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Kommentar

Seit Jahrtausenden ist der biblische Psalter das gemeinsame
liturgische Herz der drei großen Buchreligionen: Judentum, Christentum und Islam. Die Psalmen verkündigen das Wort Gottes und enthalten gleichzeitig das ganze Spektrum menschlicher Lebenserfahrung. Sie sind Lieder der Trauer und der Freude, Berichte über die Werke des Herrn, Bekenntnisse von Sünden und Hymnen zum Lobe Gottes. Viele der Psalmen werden David selbst zugeschrieben, aber es scheint erwiesen, daß sie bis in die
persische und vielleicht sogar bis hinein in die hasmonäische Ära entstanden sind und damit über eine Zeitspanne von fast tausend Jahren jüdischer Geschichte zusammengetragen wurden, ehe sie dann in der zweiten Tempel-Periode ihre endgültige Form bekamen. Als Teil der Septuaginta wurden sie ins Griechische übersetzt und fanden Eingang in die Bräuche der frühen Christen.

Juden, Christen und Muslime singen und hören die gleichen
Klage - und Freudenlieder, Sündenbekenntnisse, Lob - und Preislieder. Psalmvertonungen von Komponisten aus drei Religionen geben in diesem gemeinsamen Projekt der King’s Singers und des Ensembles Sarband ein Beispiel dafür, wie die Psalmen als Quelle der Spiritualität, als politisches Instrument, als Verknüpfung von Tradition und Moderne, vor allem aber als eine die Menschen zueinander führende Brücke dienen können.

Salamone Rossi Hebreo:
Hashirim asher liSh´lomo (“Die Lieder des Salomon”), Venedig 1622

Herzog Vincenzo Gonzaga brachte um die Wende zum 17. Jahrhundert die Musikkultur an seinem Hof in Mantua zu ihrem Höhepunkt. Vincenzo beschäftigte einige der bekanntesten Musiker Europas: Monteverdi, Gastoldi, Wert, Viadana und, von 1587 bis 1628, den jüdischen Violinisten, Sänger und Komponisten Salamone Rossi Hebreo (ca. 1570 - ca. 1630). Neben Sonaten und Tanzsätzen, Madrigalen, Canzonetten und Bühnenmusiken für den Hof
komponierte Rossi auch Musik für das Gotteshaus seiner Gemeinde, die Synagoge von Mantua.

Gerade in der Diaspora hatten die Juden stark an ihrer
traditionellen nahöstlichen Liturgie festgehalten. Jede liturgische und musikalische Neuerung - Musikinstrumente, neue Melodien, Mehrstimmigkeit - war über lange Zeit verpönt. Doch auch die Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Italien begannen an den “Nuove Musiche” der Hochrenaissance Gefallen zu finden. Hinderlich dabei war allerdings das gleichzeitige Bemühen der katholischen Gegenreformation, die Trennung von Christen und Juden zu radikalisieren. Bereits 1516 wurde in Venedig das erste jüdische Ghetto eingerichtet. Vincenzo Gonzaga folgte diesem Beispiel 1612 mit einem Ghetto in Mantua. So wurden die Juden gerade in einer der größten Blütezeiten italienischer Kultur von dieser weitgehend abgeschnitten.

Die erzwungene Isolation führte in den jüdischen Gemeinden zu einer enormen Sehnsucht nach den verloren gegangenen Errungenschaften der Renaissance, unter anderem auch nach mehrstimmiger Musik. Diese stellte im Ghetto natürlich auch ein praktisches Problem dar, denn im Ghetto war die Synagoge dafür der einzige ausreichend
große Aufführungsort. Salamone Rossi suchte mit seinen
mehrstimmigen Werken für die Synagoge, welche musikalisch
keinerlei Zusammenhang mit der jüdischen Tradition haben, sich jedoch in der Textwahl nahtlos in die traditionelle Liturgie fügen, diese Sehnsucht zu stillen, zwei sich entfernende Welten noch
einmal zu vereinen.

Clément Marot & Théodore de Bèze:
Les Psaumes en vers français avec leurs mélodies, Genf 1562;
Claude Goudimel: Psalmes de David …, Paris 1551-1580;
Jan Pieterszoon Sweelinck: Cinquante Pseaumes de David …, Amsterdam 1604

Zur Zeit der Reformation suchten die Christen in Europa unter anderem eine Möglichkeit, die Laien in die Liturgie einzubinden. Eine probate Lösung für dieses Bestreben schien zu sein, die
biblischen Psalmen in die Landessprache zu übersetzen und mit einfachen Melodien zu versehen. In Genf entstand der bekannteste und größte dieser Psalter als ein Gemeinschaftswerk mehrerer Theologen, Dichter und Komponisten. Der “Genfer Psalter” oder auch “Hugenotten-Psalter” wurde zunächst in Genf von den dortigen reformierten Christen (Calvinisten) benützt. Seine Melodien erstrecken sich von volksliedhaften Formen bis zu kirchentonalen Weisen. Durch seine musikalische und textliche Eindringlichkeit wurde der Psalter zum wohl erfolgreichsten aller Gesangbücher. Vielen Komponisten diente er als Basis eigener Bearbeitungen bzw. Kompositionen. Besonders die mehrstimmigen Fassungen von Claude Goudimel erreichten eine außergewöhnliche Verbreitung. Jan Pieterszoon Sweelinck gab mit seinen virtuos rhetorischen ‘Cinquante Pseaumes de David’ 1604 der großen Epoche
niederländischer Vokalkompositionen einen großartigen Abschluss.

Ali Ufkî (Wojciech Bobowski):
Mezamir (F-Pn Suppl. Turc 472, 1665–1673)

Protestantische Missionare hatten bereits im 16. Jahrhundert damit begonnen, christliche Texte in das Türkische zu übersetzen. Im 17. Jahrhundert betonte der vor allem durch Jan Amos Comenius (1592–1670) propagierte “Calvinoturcismus” die Gemeinsamkeiten von Islam und Protestantismus, auch, um eine gemeinsame Front gegen das katholische Habsburg zu bilden. In diese Epoche fällt die Regierungszeit von Sultan Mehmed IV. (1648-1687), die als eine der Blütezeiten osmanischer Musik gilt, aus der uns eine große Anzahl von Komponisten bekannt ist.
Der aus Lwów stammende polnische Kirchenmusiker Wojciech Bobowski (1610-1675) wurde im Alter von etwa 18 Jahren von Krimtartaren versklavt und an den Hof Mehmeds IV. in Konstantinopel verkauft. Im Serail erhielt er eine ausgezeichnete Ausbildung. Er konvertierte zum Islam, nannte sich fortan Ali Ufkî und war unter anderem als Dolmetscher, Schatzmeister und Hofmusiker des Sultans tätig. Bobowski beschäftigte sich intensiv mit religiösen Fragen. Er übersetzte den anglikanischen Katechismus ins Osmanische und verfaßte einen lateinischen Traktat über den Islam. Herausragend in ihrer Bedeutung als Quelle musikalischen Repertoires sind seine Anthologien osmanischer Musik. Sie überliefern weltliche und religiöse Stücke, Instrumental - und Vokalmusik, osmanische Kunstmusik und traditionelle türkische Lieder.

In einer kleinen handschriftlichen Sammlung von Psalmen
übernahm Ali Ufkî die originalen Melodien des Genfer Psalters, klassifizierte diese jedoch nach dem modalen Makam-System und übertrug die Texte in das Osmanische. Wegen der Besonderheiten französischer Metrik stehen viele Melodien des Genfer Psalters in asymmetrischen Metren und nähern sich damit einem wichtigen Idiom nahöstlicher Musik. Neben ihrer rhythmischen Intensität eignet sich auch der deutlich modale Charakter der Melodien gut für eine Transformation in türkische Tongattungen alleine durch feine Schattierungen in der Intonation. Ali Ufkîs Psalmbearbeitungen beschränken sich auf das Wesentliche: kein musikalischer Zierrat, keine kunstvollen Affekte stören die Kraft des Wortes. Die Besinnung auf das Buch der Bücher lassen die zuvor gegensätzlich scheinenden Welten von Islam und Protestantismus in einer
kunstvoll-einfachen, ganz selbstverständlich wirkenden Weise miteinander verschmelzen. In unserer Aufführung verschränken wir die Vertonungen von Salamone Rossi, Claude Goudimel, Jan Pieterszoon Sweelinck und Ali Ufkî ineinander, um die wohl ursprünglich intendierte Wirkung der Psalmen wieder aufleben zu lassen: Geheiligte Brücken; zwischen Völkern, Religionen,
zwischen Menschen.
© Dr. Vladimir Ivanoff
 

Texts

1
Ein Lied Davids im höhern Chor.
Wo der Herr nicht bei uns wäre,
so sage Israel,

2
wo der Herr nicht bei uns wäre,
wenn die Menschen sich wider uns setzen,

3
so verschlängen sie uns lebendig,
wenn ihr Zorn über uns ergrimmete,

4
so ersäufte uns Wasser,
Ströme gingen über unsere Seele;

5
es gingen Wasser allzu hoch
über unsere Seele.

6
Gelobet sei der Herr,
daß er uns nicht gibt zum Raube in ihre Zähne!

7
Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Stricke des Voglers.
Der Strick ist zerrissen, und wir sind los.

8
Unsere Hilfe stehet im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht.

 

 

 

 


 

[images/index.htm] 29 September 2008