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Thomas
Tallis: The Complete Works
Volume 7 - Music
for Queen Elizabeth
Chapelle du Roi
directed by Alistair Dixon
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"an exceptionally high standard of singing ... the crowning
splendour is a magisterial 'Spem in alium' ... a breath-taking
climax ... the Tallis complete works is one of the most exciting
projects currently underway on any early music label. Thoroughly
recommended" D
James Ross, Early Music Scotland |
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"Alistair Dixon paces and balances the voices of his vocal group Chapelle du Roi beautifully"
S
Pettitt, The Evening Standard |
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Kommentar Auf der
siebten CD im Rahmen der gesammelten Werke von Thomas Tallis erleben wir
diesen als Komponisten von Motetten mit lateinischen Texten zur Zeit von
Königin Elisabeth I.
Die Herrschaft von Elisabeth I. (1558-1603) war eine Zeit, in der sich das
politische, künstlerische und religiöse Leben in England zunehmend
stabilisierte. Es war außerdem eine Zeit, zu der England einen verstärkten
kulturellen Austausch mit dem europäischen Kontinent genoss—trotz
drohender katholischer Invasion, besonders von Spanien aus. Für die Kunst
war Elisabeths Regentschaft eine Blütezeit. Englands vorreformatorische
Kultur—reichhaltig, aber trotzdem von Grund auf isoliert und konservativ—wurde
vom wachsenden Einfluss des Festlands durchzogen. Sowohl in der Literatur
wie auch der Musik entstanden neue Ideen und Formen, mitgeprägt vom
Aufstieg des Humanismus. Die Einführung des Buchdrucks in England
bedeutete, dass die englische Kultur nun in größerem Rahmen verbreitet und
exportiert werden konnte.
Wie viele ihrer Untertanen hegte sicher auch Elisabeth I. gemischte
Gefühle über Englands reformierte Kirche und die Begleitmusik der neuen
Liturgie. (Tallis’ Musik zur anglikanischen Liturgie können Sie auf der
sechsten CD dieser Reihe hören.) Elisabeth hatte durch ihren Vater,
Heinrich VIII., eine katholische Erziehung genossen, und muss wohl
zuweilen der verlorenen Pracht des Sarum Use nachgetrauert haben. In der
Tat hat sie zu Beginn ihrer Regierungszeit dem alten Glauben und seiner
Ausübung beachtliche Freiheit eingeräumt. Obwohl sie eine Liturgie in der
Umgangssprache für das Volk stark befürwortete, gab sie ihre bereitwillige
Zustimmung zu einer lateinischen Version ihres 1559 veröffentlichten Book
of Common Prayer. Diese war speziell für den Gebrauch in Kapellengemeinden
höherer Schulen und Universitäten gedacht, wo man Latein verstand. In
ihren eigenen Kapellen bevorzugte sie sicherlich ein aufwändigeres
Zeremoniell (einschließlich Chorgesang) als einigen ihrer Geistlichen lieb
war.
Tallis durchlebte die Herrschaft vier englischer Regenten, und zu
Elisabeths Zeiten war der Komponist bereits in seinen 60ern. Er muss die
Festigung des Protestantismus durch seine neue Königin lediglich als eine
weitere Phase der ermüdenden Folge politischer und institutioneller
Reformen betrachtet haben—und nicht als Beginn des Status Quo, wie wir ihn
heute sehen. Ungeachtet seiner persönlichen Überzeugungen—und die
dürftigen Belege, die uns heute vorliegen, lassen darauf schließen, dass
seine Sympathien bei den Katholiken lagen—hat sich der stets
anpassungsfähige Tallis den Herausforderungen der neuen Liturgie samt
ihrer neuen Stilrichtung und Form gestellt, und zwar mit der kreativen
Kraft eines sehr viel jüngeren Mannes.
Trotz seiner Pragmatik muss Tallis allerdings von Trauer erfüllt gewesen
sein. Er hatte die Zerstörung der musikalischen Tradition der englischen
Kirche mit ansehen müssen. Dutzende Chöre in Klöstern und Schulen, die die
Polyphonie kultiviert hatten, waren nun verstummt; ihre Chornoten wie ihre
individuellen Stimmpartien zerstört. Er hatte sein Handwerk als
Kirchenmusiker anhand der Sarum-Liturgie erlernt und seine Lehrjahre mit
inzwischen abgeschafften Formen verbracht—der Festtagsmesse, der
Votivantiphon. Für jüngere Komponisten wie beispielsweise Byrd muss
Tallis wie eine Brücke zu einem fast vergangenen Zeitalter gewirkt haben.
Aber selbst wenn sich Tallis persönlich als Erbe einer kostbaren und
verschwindenden Tradition gesehen haben mag, fühlte er sich von dieser
Verantwortung nicht erdrückt. In seinen reifen Jahren ging er an jede
Musikform, die er kultivierte, mit derselben Überzeugungskraft und
Sparsamkeit heran. So vermischte er in seinen elisabethanischen Motetten
die nostalgische Klangbildung der konservativen englischen Tradition mit
den neuesten Imitationstechniken des Kontinents. Bis zum Schluss war
Tallis anpassungsfähig und offen
für die Möglichkeiten der neuen Kompositionstheorien. Sein rastloser,
stets fortschrittlicher Ansatz ist auch durch Quellen belegt, die uns
zeigen, wie er seine eigene Musik überarbeitete und wiederverwendete.
Eine wichtige Folge der Reformation war, dass sie englische Komponisten
kontinentalen Einflüssen aussetzte. Auf dem Festland hatte sich die
Motette unter dem humanistischen Einfluss und besonders durch Josquin bis
zum Ende des 15. Jahrhunderts zu einer bedeutenden Form entwickelt, für
die Komponisten künstlerische oder dramatische Texte wählen (oder
zusammenstellen) konnten, die nicht unbedingt eine ‘ordentliche’
liturgische Funktion hatten. Etablierte Strukturierungen—beispielsweise
gregorianische Gesänge in der Tenorstimme anzulegen—wurden von
durchgängiger Imitation ersetzt. Dabei zogen sich die auf
dem Text basierenden Ideen durch die Stimmen,
und auch Homophonie sowie gegensätzliche Notenläufe und Harmonien kamen
zur Anwendung. Obwohl englische Komponisten schon vor der Reformation
durchaus kontinentale Entwicklungen wahrgenommen hatten (beispielsweise
sind einige Antiphonen von Taverner höchst imitativ) und ihre musikalische
Formen sowohl unter dem reformatorischen Druck wie auch aufgrund
des kontinentalen Einflusses vereinfachten, blieben sie doch bis weit in
die
1530er konservativen Formen und Stilarten treu. Die Reformationsjahre und
Elisabeths Entscheidung für den Protestantismus befreiten die auf
lateinischen Texten beruhende Tradition von liturgischen Zwängen. So
konnten Komponisten die englische Sprache neu
beleben und sie für neue, ausdrucksvolle und individuelle Werke nutzbar
machen.
Als Gruppe sind Tallis’ lateinische Motetten aus der elisabethanischen
Zeit (ungefähr 15 an der Zahl) denen seiner Zeitgenossen darin verwandt,
dass sie auf einer Mischung aus liturgischen und nicht-liturgischen
Textvorlagen beruhen. Absterge Domine und Miserere Domine sind beides
‘Andachtsvertonungen’ (d.h. sie haben nicht-liturgischen Gebets- oder
Beichttexte), genau wie Suscipe quaeso (vermutlich aus der Regierungszeit
von Maria I. und auf CD 3
zu hören). Mihi autem nimis basiert auf
einem Introitus, während alle übrigen
Stücke Gottesdiensttexte vertonen. Salvator mundi (zwei Versionen) sowie O
sacrum convivum, In manus tuas, In ieiunio et fletu und
Derelinquat impius sowie Spem in alium
sind alle Responsorien. O nata lux de
lumine ist ein Hymnustext, O salutaris hostia
ist eine Antiphon und Laudate Dominum
sowie Domine, quis habitabit sind beides Psalmtexte.
Die gefeierten Lamentations (auf CD 8) ähneln den Werken auf dieser CD
darin, dass sie wiederum motettenartige Vertonungen von liturgischen
Texten sind. Ihr Stil lässt auf ihren Ursprung in der elisabethanischen
Zeit schließen, und wirklich war es in England während der späten 1560er
kurz Mode, Lesungen der Stillen Woche aus dem Buch des Propheten Jeremia
zu vertonen.
Mit Ausnahme von Spem in alium und Miserere nostri sind alle Motetten von
Tallis fünfstimmig angelegt. Von O salutaris hostia abgesehen, ist der
Stimmumfang der Stücke begrenzter als in seiner vorreformatorischen Musik,
eher Eineindrittel Oktave als Eineinfünftel Oktave. Es ist also möglich,
dass diese Werke zur Aufführung in mehr als einer Tonhöhe geschrieben
wurden. Man könnte durchaus spekulieren, dass der tiefere Satz von der
Kombination ATTBarB vorgetragen wurde, vielleicht beim Gottesdienst einer
Privatkapelle. Durch die Transponierung um drei bis vier Halbtöne nach
oben wären sie jedoch für die Kombination SAATB geeignet—vielleicht als
Hausmusik, bei der Frauen die obere Stimme übernehmen konnten.
Diese Theorie wird durch die Tatsache unterstützt, dass die meisten der
Motetten in Cantiones Sacrae vorkommen—der Veröffentlichung von 1575, für
die Elisabeth ihre beiden leitenden Kantoren der Chapel Royal, Tallis und
Byrd, beauftragte, 34 Motetten (jeder 17) in Stimmpartien zu
veröffentlichen. Cantiones Sacrae verdeutlicht ihre Entschlossenheit,
England in der Musikwelt
zu etablieren. Sie beabsichtigte höchstwahrscheinlich, dass die Sammlung
an private Haushalte verkauft würde und gleichzeitig auch den Weg in
Kirchen und Kapellen des Kontinents finden sollte. Die einzigen Motetten
auf dieser CD, die nicht aus der Sammlung Cantiones Sacrae stammen, sind O
salutaris hostia, die beiden Psalm-Motetten und (aus offensichtlichen
Gründen) Spem in alium. Die Identifizierung talentierter Amateure als neue
Zielgruppe im ‘Markt’ für geistliche Gesänge könnte zumindest teilweise
die Reduzierung des Stimmumfangs erklären.
Obwohl die lateinischen Motetten vermutlich für den privaten Gebrauch
gedacht waren, ist doch ihr musikalischer Erfolg an der großen
Anzahl von Kontrafakturen abzulesen, die anscheinend von ihnen angefertigt
wurden. Kathedralenkantoren der neuen anglikanischen Liturgie setzten
englische Verse in die Motetten—manchmal Übersetzungen, aber häufiger neue
Dichtungen ohne direkte Beziehung. Absterge Domine scheint besonders
beliebt gewesen zu sein, da vier englische Versionen erhalten blieben.
Eine davon, Discomfort them O Lord (Verwirf sie, O Herr), ist auf dieser
CD zu hören, während die meisten anderen auf der achten
CD dieser Reihe erscheinen werden. Salvator mundi I und O sacrum convivum
sind in je zwei Versionen überliefert; die anderen Motetten mit erhaltenen
Kontrafakturen sind O salutaris hostia, Mihi autem nimis, O sacrum
convivum, Salvator mundi II und Spem in alium.
Salvator Mundi I eröffnet diese CD wie auch Tallis und Byrds gedruckte
Sammlung Cantiones Sacrae. Die Eröffnungssequenz ist höchst imitativ: die
fünf Stimmen setzen in der Reihenfolge von Sopran bis Bass ein—mit
markanten ansteigenden Fünfer- und Viererintervallen. Bei den Worten
‘auxiliare nobis’ (hilf uns) kommt es zu einer dramatischen Homophonie,
die in der Imitationssequenz von ‘te deprecamus’ wiederholt wird. Trotz
seiner sparsamen Verwendung rhythmischer und melodischer Motive gelingt es
Tallis, für die gesamte Länge des Stücks eine kontinuierliche musikalische
Entfaltung zu schaffen. Der Text ist eine Antiphon zur Mette am Fest der
Kreuzerhöhung.
O sacrum convivium scheint ursprünglich als eine instrumentale Fantasie
entstanden zu sein, die später zu einem Gesangsstück umgeschrieben wurde.
Auch eine englische Textversion, I call and cry, wird allgemein der Mitte
der 1570er zugeordnet. Beide Texte passen gleich gut zur Musik, was die
ursprünglichen Absichten Tallis’ in Frage stellt. Es handelt sich hier um
eine kunstfertig arrangierte Motette, deren Überzeugungskraft auf
durchgängiger Imitation und der Wiederholung von sich steigernden
Sequenzen beruht. Der Text stammt von der Magnifikat-Antiphon der zweiten
Fronleichnam-Vesper.
In manus tuas ist eine Vertonung des Responsoriums zum Komplet. Sie
unterscheidet sich leicht von Tallis’ anderen Motetten, da sie einen
Stimmumfang von 22 Noten anstatt der gängigen 19 oder 20 erfordert und
daher keine doppelte Aufführungsmöglichkeit durch Transponierung bietet.
Das soll aber nicht heißen, dass sie für den liturgischen Gebrauch
bestimmt war—sie bleibt trotzdem eine respondierende Motette, wie sie in
der korrekten liturgischen Form nicht vorkommt.
Tallis’ Vertonung von O nata lux de lumine, basierend auf den ersten
beiden Versen des Morgenoffiziumshymnus zur Verklärung Jesu, ist in ihrer
Struktur ähnlich ‘unliturgisch’. Alle Vertonungen liturgischer Hymnen von
Tallis (auf CD 4 und 5) beginnen im Dreiertakt, und Tallis ehrt diese
Tradition in dieser Motetten-Vertonung. Trotz seiner fast durchgängigen
Homophonie ist das Werk ein Juwel: satzlängen werden geschickt abgewandelt,
die Modulation ist geschwind und gut geplant und die gelegentlichen
Bewegungen in den inneren Stimmen sind motivisch überzeugend. Tallis zeigt
für die letzten Takte eine Wiederholung an, was in seinen
Motetten-Vertonungen einzigartig ist, jedoch an seine englische Hymnenform
ABB erinnert.
Absterge Domine war offensichtlich eine der beliebtesten und beständigsten
Motetten Tallis’. Sie erscheint nicht nur in Cantiones Sacrae, sondern ist
zusätzlich in nicht weniger als
vier Kontrafakturen überliefert—später umgeschriebene Versionen mit
abweichenden englischen Texten. Der verlängerte ‘Beichttext’ führt zu
einer von Tallis’ längeren Vertonungen, und im Gegensatz zu einigen seiner
kürzeren Motetten spiegelt Tallis die textliche Interpunktion in der Musik
wider, womit es hier zu einer Abfolge klar definierter Sätze kommt.
Discomfort them O Lord ist eine der vier überlieferten Kontrafakturen von
Absterge Domine. Der Bearbeiter hielt sich strikt an Tallis’ Noten und
unterteilte bzw. veränderte, wo nötig, Tonlängen, um die neuen Silben in
die existierenden Noten einzupassen. Als Illustration unserer oben
vertretenen Theorie der doppelten Aufführung durch Transponierung wird
Absterge Domine hier tief und Discomfort them O Lord höher gesungen.
Domine, quis habitabit und Laudate Dominum sind Tallis’ zwei überlieferte
Vertonungen lateinischer Psalmtexte. Sie sind Teil einer verbreiteten
elisabethanischen Tradition von Psalmvertonungen, zu denen auch
Komponisten wie Christopher Tye, Robert White und Tallis’ jüngerer
Zeitgenosse William Mundy beitrugen. Diese beiden bedeutenden Motetten
weisen imitierende Sequenzen auf, die sich mit Homophonie abwechseln.
Domine, quis habitabit ist die Vertonung des 15. Psalms, das weitaus
erfolgreichere Laudate Dominum eine lebhafte Vertonung von Psalm 117 (nur
zwei Verse lang); bemerkenswert ist, dass es das Gloria Patri enthält.
Miserere Nostri folgt der kontinentalen Tradition komplexer kanonischer
Werke als Demonstration technischen Könnens; in den Cantiones Sacrae ist
es gekoppelt mit Byrds Doppelkanon Miserere mihi Domine. Diese Vertonung
ist ein sechsstimmiger Doppelkanon. Der erste ist ein Kanon im Einklang
für die beiden oberen Stimmen. Superius 1 ist der Dux, die um eine ganze
Note zuerst einsetzende Stimme. Beim zweiten Kanon handelt es sich um
einen Mensurkanon für vier Stimmen, die alle gemeinsam beginnen. Die
Discantus-Stimme bildet den Dux, während der Contratenor in doppelter
Augmentation singt, d.h. die Noten sind viermal so lang. Die beiden Bass-Stimmen
bilden einen Kanon nach dem Arsis-Thesis-Prinzip, d.h. sie sind
gegenläufig, so dass ansteigende Intervalle des Dux (der führenden Stimme)
im Comes (der Antwort) nach unten verlaufen. Der zweite Bass ist einfach
augmentiert—seine Notenlängen sind verdoppelt—und der erste dreifach, so
dass seine Notenlängen achtmal so lang sind. Die siebte Stimme ist eine
‘freie’ Tenorstimme, obwohl ihre Anwesenheit nur an einer Stelle
erforderlich ist, um eine Harmonie zu vervollständigen.
Wie bei O sacrum convivium mag auch Tallis’ zweite Vertonung von Salvator
mundi als instrumentale Fantasie begonnen haben. Sie war wahrscheinlich
als ein zweistimmiger Kanon (um eine Oktave) mit einer Basspartie gedacht
und hat ihre erste fünfstimmige Wiedergeburt wohl als englische Version
When Jesus went into Simon the Pharisee’s house erfahren. Sollte dies der
Fall sein, so müssen wir die lateinische Fassung als eine weitere und
endgültige Überarbeitung betrachten, in der die nicht-kanonischen Partien
bedeutend ummodelliert wurden.
Mihi autem nimis vertont die Eingangsverse des Introitus der Messe
anlässlich des Apostelfestes. Tallis’ Ansatz ist ehrfürchtig; ihm gelingt
eine intime und ausgefeilte Vertonung, die wie Salvator Mundi I von Anfang
bis Ende einen einheitlichen musikalischen Satz mit wenig erkennbarer
Interpunktion bildet.
O salutaris hostia unterscheidet sich von Tallis’ anderen Motetten in
zweierlei Form. Erstens scheint das Stück im Laufe seines Daseins in
verschiedenen Überarbeitungen existiert zu haben, und um eine einzige
definitive Fassung zu erhalten, muss der moderne Herausgeber verschiedene
Entscheidungen treffen (besonders da es nicht in Cantiones Sacrae
erscheint). Zweitens liegen die fünf Stimmen weit und gleichmäßig
auseinander. Dies erinnert eher an das vorreformatorische Arrangement
SATBarB als an Tallis’ typisches Muster, im zweiten und dritten Part von
oben ähnliche Stimmen zu verwenden. Der Text ist die fünfte Strophe des
Hymnus zu Fronleichnam, ist uns aber vermutlich geläufiger als der Anfang
des Segenshymnus.
In ieiunio et fletu und Derelinquat impius gehören mit großer
Wahrscheinlichkeit zu den letzten Stücken, die Tallis je komponierte. Sie
sind spürbar experimentelle Vertonungen von Bußtexten zur Fastenzeit—vielleicht
symbolisch besonders angemessen für das Elend der katholischen Gemeinden,
die sich weigerten, dem anglikanischen Gottesdienst beizuwohnen. In
ieiunio et fletu erzählt die Geschichte weinender Priester, die um die
Bewahrung ihres Erbe vor Zerstörung flehen, während Derelinquat impius die Sünder auffordert, zum Herrn zurückzukehren. Im Letzteren war Tallis
merklich mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Modulation beschäftigt und
schien zu versuchen, der schwerkraftgleichen Anziehung eines ‘Tonzentrums’
zu widerstehen—ein Anliegen, das sich schon zu Beginn in der imitativen
Einleitung durch das Einsetzen der verschiedenen Stimmen in unerwarteten
und weit auseinander laufenden Tonhöhen verdeutlicht. Das Werk ist
harmonisch angelegt und vor allem durch seine Chromatik so faszinierend.
In ieiunio et fletu entwickelt diese Tendenz noch weiter und wirft
jegliche Standardtechniken der Nachahmung über Bord, ersetzt sie durch
Kanons und wiederholt ganze Textur-Blöcke. Zusätzlich wird erst im letzten
Takt zum nominalen ‘Tonzentrum’, G, gefunden, was dem Stück einen
desorientierenden Charakter verleiht. Beide Motettentexte stammen von der
Dreieinigkeitsmette des ersten Sonntags der Fastenzeit. Sie sind das
dritte und das fünfte Responsorium, und sicher ist es kein Zufall, dass
sie in Cantiones Sacrae zusammen mit William Byrds Vertonung des vierten
Responsoriums Emendemus in Melius auftreten. Vielleicht waren die Stücke
von ihren beiden Komponisten für den Gebrauch von den katholischen
Gemeinden bestimmt, die sich gegen den anglikanischen Gottesdienst wehrten.
Ein weiteres Merkmal von In ieiunio et fletu ist, dass Tallis sie sehr
tief gesetzt hat. Um die Motette überhaupt mit der üblichen Kombination
von Stimmen aufführen zu können, muss eine Transponierung von mehr als
einer halben Oktave vorgenommen werden. Eine Aufführung in der
aufgezeichneten Tonhöhe ist ein sehr klangvolles und sattes Hörerlebnis,
erfordert aber einen Bass, der bis zum tiefen D singen kann! Um Hörern
eine Vergleichsmöglichkeit zu bieten, haben wir uns hier entschlossen, In
ieiunio et fletu nacheinander sowohl tief als auch hoch gesetzt
darzubieten.
Spem in alium ist sicher nicht nur Thomas Tallis’ größter musikalischer
Erfolg, sondern eine der bedeutendsten Musikkompositionen aller Zeiten.
Das Werk war ursprünglich für 40 unabhängige Stimmen konzipiert, und
Thomas Tallis
hat ein prächtiges und monumentales
Gefüge erschaffen, das in seinen 69 Longa die vielfältige Musikpalette
kreativ und phantasievoll ausreizt.
Tallis verteilt seine Sänger auf acht Chöre mit je fünf Stimmen (Sopran,
Alt, Tenor, Bariton und Bass), und es liegt nahe, dass er sie in
Hufeisenform arrangiert hat. Das Stück beginnt mit einer einzigen Stimme
aus dem ersten Chor; schrittweise setzen die Stimmen in Imitation ein und
sobald frühere Stimmen verstummen, wandert der Ton die Reihe entlang vom
ersten bis zum achten Chor. Während der 40. Brevis setzen alle 40 Stimmen
für ein paar Takte gemeinsam ein, dann dreht sich der Prozess um, und der
Ton läuft vom achten zurück zum ersten
Chor. Nach einer kurzen erneuten Phase
des Zusammenklingens singen die Chöre in Paaren, wobei sie sich den Ton
durch den
Raum zuwerfen, bis schließlich alle Stimmen
zur großen Vollendung des Werks zusammenkommen.
Es ist offensichtlich, dass Spem in alium für einen bestimmten Anlass
komponiert wurde, obwohl es auf einem liturgischen Text beruht: Spem in
alium ist ein Responsorium der Sonntagsmette, das während der Lesung aus
dem Buch Judith vorgetragen wurde. Es gibt viele Theorien zum genauen
Anlass des Spem in alium wie auch zur Bedeutung der Stimmenanzahl. Paul
Does’ Vermutung, dass die erste Aufführung 1573 im 40. Regierungsjahr von
Elisabeth I. stattfand, schien anfangs die plausibelste Erklärung zu sein.
Jedoch zeigte Denis Stevens später eine fast zeitgenössische Quelle von
1611 auf, die beschreibt, dass dieses Werk—vermutlich durch Thomas Howard,
den 4. Herzog von Norfolk—als Antwort zu Striggios 40-stimmigen Ecce
beatem Iucem in Auftrag gegeben wurde. Damit fand die erste Aufführung
wahrscheinlich in der langen Galerie des Arundel House am Londoner Strand
statt—vielleicht im Jahr 1570, nachdem Norfolk aus dem Gefängnis kam (er
wurde 1572 hingerichtet). Interessant ist auch die Tatsache, dass der
Bankettsaal von Nonsuch Palace—Norfolks Residenz auf dem Land—achteckig
war und im ersten Stock Logen hatte.
Das älteste überlieferte Manuskript dieses großartigen Werks, das Egerton
Manuskript, ist mit einer englischen Kontrafaktur versehen: Sing and
glorify heavens high majesty (Sing und verehre die hohe Majestät des
Himmels). Diese Version war offenbar für die Krönungszeremonie (zum Prinz
von Wales) für Prince Harry im Jahr 1610 produziert worden und wurde dann
(nach seinem frühzeitigen Tod) 1616 bei der Krönung von Charles wiederholt.
In dem Manuskript ist Harrys Name deutlich in jede Partie eingezeichnet,
dann durchgestrichen und durch den Namen Charles ersetzt. Der englische
Text ist keine Übersetzung aus dem Lateinischen, sondern ein neues Gedicht,
dass Silbe für Silbe den Originaltext ersetzt. Offenbar meinten offizielle
Stellen, dass Spem in alium musikalisch einem so beeindruckenden Anlass
wie einer Krönung angemessen war, aber dass die lateinischen Worte zu
düster klangen.
Ein interessantes Merkmal von Spem in alium ist dass die Gesamtlänge des
Stückes 69 Longa aufweist (eine Longa entspricht zwei Brevi). Dies ist ein
Kryptogramm: man erhält die gleiche Zahl, wenn man jedem Buchstaben in
Tallis’ Namen nach seiner Stellung im lateinischen Alphabet eine Nummer
zuordnet, also A=1, B=2 usw., und ihre Werte dann addiert. Darf man
spekulieren, dass Tallis sein Werk ‘signiert’ hat, um so auf ewig mit
seinem Meisterstück verbunden zu sein?
Alistair Dixon und David Allinson, November 2003
Gesangstexte |
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