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Music for Gainsborough
charivari agréable with Reiko Ichise
Die Gemälde Thomas Gainsboroughs (1727-88) stellen eines der eindruckvollsten und lebendigsten Bildzeugnisse des Georgian England dar. Gainsborough schuf großartige Portraits von Menschen aus einem weiten sozialen Spektrum und malte Landschaften, die die pastorale Idyllik Englands einfangen, noch bevor die industrielle Revolution mit ihren düsteren Folgen herannahte. Sein erhaltener Briefwechsel und viele zeitgenössische Zeugnisse erlauben Blicke auf den Maler selbst, der darin als angenehme und beliebte Persönlichkeit in Erscheinung tritt. So erinnerte sich etwa der Sohn des Schulleiters der Ipswich Grammar School, daß ‘er ein Lieblingsschüler meines Vaters war. Seine freundlichen und angenehmen Manieren machten ihn bei allen beliebt, mit denen ihn sein Beruf in Verbindung brachte...ich habe gesehen, wie sich Gesichter von Bauern aufhellten, als sie sich dankbar an seine vielfältigen Wohltaten erinnerten.’ Gainsborough wurde 1727 in Sudbury (Suffolk) geboren, studierte in London bei Hubert Gravelot und, ab 1740, bei Francis Hayman und blieb bis 1748 in der Hauptstadt. Anschließend kehrte er nach Sudbury zurück, wo er sich als Portraitmaler nur notdürftig über Wasser halten konnte. Weil seine Verdienstmöglichkeiten in der Provinz begrenzt waren, siedelte er 1752 in das benachbarte Ipswich über und wandte sich schließlich im Jahr 1759 nach Bath, das damals ein sehr beliebter und stark expandierender Kurort war und sich zum Zentrum für reiche, modebewußte Müßiggänger entwickelte. Bath entsprach jedoch nicht jedermanns Geschmack, wie die folgende vernichtende Kritik des kränklichen Matthew Bramble in Tobias Smolletts Humphry Clinker zeigt: ‘...dieser Ort, den Natur und Vorsehung als eine Zuflucht vor Krankheit und Unruhe bestimmt zu haben schienen, ist zur Hauptstadt des Lärms und des Amüsements geworden. Statt jenes Friedens, jener Ruhe und Muße, so wichtig für die, die unter schlechter Gesundheit und zerrütteten Nerven leiden, haben wir hier nichts anderes als Krach, Tumult und Hetze, verbunden mit der Sklaverei einer Zeremonie, die steifer, förmlicher und tyrannischer ist als das Hofzeremoniell eines deutschen Kurfürsten. Es mag eine nationale Genesungsstätte sein, aber, wie man sich vorstellen kann, nur für Verrückte, und wahrhaftig, ich will Euch erlauben, mich so zu nennen, sollte ich noch länger in Bath bleiben.’ Die große gesellschaftliche Bedeutung von Selbstdarstellung und Zeremoniell, die Smollett hier angreift, verschaffte Gainsborough freilich vielfältige Arbeitsmöglichkeiten; seit seiner Übersiedlung nach Bath nahmen seine Gemäldeproduktion wie auch sein Verdienst beträchtlich zu. Es überrascht keineswegs, daß er sich hier für viele Jahre niederließ, bis er schließlich 1774 in die ebenfalls sehr populäre Pall Mall zog. Er war einer der Mitbegründer der Royal Academy im Jahr 1768, und seine letzten Lebensjahre waren von einigem Erfolg gesegnet—so wurde er etwa seit 1781 offiziell vom Königshaus gefördert. Er starb 1788 als einer der am meisten bewunderten Maler seiner Generation. Gainsboroughs vielfältige musikalische Interessen spiegeln sich in seinen Briefwechseln ebenso wie in seinen Gemälden wider. Seine Tochter Margaret erzählte dem durch seine Tagebücher bekannten Joseph Farington, daß ihr Vater sich ‘oft zur Gesellschaft mit Musikern verleiten ließ, mit denen er oft die Grenzen der Mäßigung überschritt...oft so sehr, daß er gelegentlich in der ganzen folgenden Woche nicht in der Lage war, zu arbeiten.’ Einige seine Musikerfreunde (die meisten von ihnen hat er porträtiert) standen im Zentrum des musikalischen Lebens des Georgian England, so etwa Johann Christian Bach, Carl Friedrich Abel, die Linley-Familie in Bath, Rudolf Straube, der Geiger Felice Giardini, den Charles Avison im Jahre 1753 für seine ‘bewunderungs-würdige Schnelligkeit der Ausführung, seine überschäumende Erfindungsgabe, verbunden mit der vollkommensten Leichtigkeit und Geschmeidigkeit beim Spiel’ pries; ferner der Oboist Johann Christian Fischer, der Gainsboroughs Tochter Mary heiratete. Auf der anderen Seite hatte Gainsborough auch mit Amateurmusikern zu tun, wie die folgende Anekdote vom Ipswich Music Club zeigt—der Maler selbst hat sie dem Schauspieler David Garrick erzählt: ‘...Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, als ich in Ipswich lebte, wurde dort ein Benefizkonzert gegeben, in dem ein neues Gesangsstück aufgeführt werden sollte. Als Organisator ging ich zu dem braven Möbeltischler, der (statt eines besseren Sängers) auftreten sollte, und fragte ihn, ob er vom Blatt singe könne; ich hätte hier nämlich ein neues Stück samt der ausgeschriebenen Stimmen. ‘Ja, mein Herr’, sagte er, ‘natürlich.’ Darauf gab ich Mr. Giardini aus Ipswich die Anweisung, mit der Symphony zu beginnen und gab ein Zeichen, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu bekommen. Aber, welche Überraschung, statt eines Liedes folgte auf die Symphony vollkommene Stille, und ich sprang auf und schrie: ‘Verd—noch mal, warum singen Sie nicht? Haben Sie mir nicht gerade gesagt, Sie könnten vom Blatt singen?’ ‘Ja, bitte um Verzeihung, das habe ich wohl gesagt, daß ich vom Blatt singen kann, aber nicht gleich beim ersten Mal.’ Gainsboroughs eigene Kreativität suchte ihren Ausdruck in der Musik wie in Malerei gleichermaßen zu finden. Dies war durchaus ungewöhnlich in einer Zeit, in der musikalische Betätigung hauptsächlich als eine weibliche Angelegenheit angesehen wurde und bei Gentlemen weit weniger gesellschaftliche Anerkennung fand. Um John Locke zu zitieren: ‘Ein junger Mann muß so viel Zeit an sie verschwenden, um auch nur mittelmäßige Fertigkeiten in ihr entwickeln zu können, und außerdem geht mit ihr oft seltsamer gesellschaftlicher Umgang einher.’ Gainsborough jedoch hielt Zeit seines Lebens hartnäckig an seinen eigenen musikalischen Ambitionen und an seinen Musikerfreunden fest. Der Komponist William Jackson, Organist an der Kathedrale von Exeter und einer seiner langjährigen Freunde, sagte von ihm: ‘Malerei war Gainsboroughs Beruf und Musik seine Freizeitbeschäftigung, und es gab doch Zeiten, in denen Musik sein Beruf und Malerei sein Hobby zu sein schien.’ Es war Jackson, an den sich Gainsborough um Rat in musikalischen Angelegenheiten wandte. Offenbar waren die Kenntnisse des Malers in diesem Bereich begrenzt, denn er schrieb in einem Antwortbrief an Jackson, der ihn zuvor mit einigen Informationen versorgt hatte: ‘Es gab niemals so einen armen Teufel wie mich, der sich so sehr an Harmonie erfreute und doch so wenig von ihr wußte. Deine Hilfe ist daher die reinste Wohltat. ... Ich werde krank, wenn ich auch nur an Porträts denke und wünschte, ich könnte einfach meine Viola da Gamba nehmen und mich in irgendein nettes, kleines Dörfchen zurückziehen, wo ich Landschaften malen und meinen Lebensabend in Ruhe und Frieden genießen kann’. Jackson stimmte offenbar mit Gainsboroughs Selbsteinschätzung bezüglich seiner musikalischen Fähigkeiten überein und schrieb—etwas überspitzt—in Hinblick auf den Maler: ‘Wie oft verderben wohlmeinende Amateure den Erfolg eines Konzertes, indem sie bei all ihrer Begeisterung von der falschen Annahme ausgehen, daß durch ihren Beitrag alles noch viel besser wird, wobei sie doch nur den unglücklichen Komponisten der Musik in größte Verlegenheit bringen?’ Gainsborough gehörte sicherlich zur Kategorie der Dillettanten; er beschäftigte sich mit mehreren Instrumenten zugleich, freilich auf eher oberflächliche Weise. Freunde erinnerten sich daran, wie er ‘ein langsames Cembalostück sowohl mit Violine und Flöte geschmack- und gefühlvoll begleitete’. Er spielte außerdem Oboe und Harfe und lernte darüber hinaus Viola da Gamba bei Abel und Laute bei Straube. Und kein geringerer als Johann Christian Bach traf ihn einmal zu seiner größten Verblüffung dabei an, wie er einem Fagott Töne zu entlocken versuchte; ‘Laß es sein, Mensch, laß es sein’, schrie dieser. ‘Willst Du Dich selbst zum Platzen bringen, wie der Frosch in der Fabel?’ Gainsborough war jedoch ein Liebhaber von Musikinstrumenten und wußte den Wert schöner Stücke wohl zu schätzen. Unter seinen Gamben waren zum Beispiel drei Instrumente von Henry Jaye und zwei von Barak Norman. Für diese musikalische Hommage an Gainsborough haben wir einige Kompositionen seiner Freunde ausgewählt. Unsere ursprüngliche Absicht war es, uns auf drei Komponisten zu beschränken. Alle drei sind ausgewanderte Deutsche, die für Instrumente schrieben, denen das Aussterben unmittelbar bevorstand: die Gambe, die Laute und das Cembalo. Die übrigen Freunde seines musikalischen Kreises ließen sich jedoch, wie sich bald herausstellte, nicht ohne weiteres ausblenden! Der Gambenvirtuose Carl Friedrich Abel gehörte während 25 Jahren zu Gainsboroughs engsten Freunden. Der Maler bekam Unterricht bei ihm (wenn auch eher nur gelegentlich), musizierte mit ihm und nahm bei musikalischen Problemen seine Hilfe in Anspruch. Mehr als einmal malte Gainsborough Abel, seine Gamben und seine vielgeliebten Spitze. William Jackson, der 1778 in einem Brief dem gemeinsamen Freund Ozias Humphry von Gainsborough berichtete, bemerkte: ‘Er hat Abel so viele Bilder und Zeichnungen gegeben, die zusammen mehrere hundert Pfund wert sind, und hat ihn dafür zum Dank gelehrt, sich blind und besinnungslos zu trinken und dadurch frühzeitig zu altern …’. Diese bittere Beurteilung ihrer beider Freundschaft wurde jedoch nicht von Gainsborough geteilt. Es gibt nämlich keinen Grund, an der tiefen und ehrlichen Trauer zu zweifeln, die in seinem Brief an Henry Bate angesichts von Abels Tod zum Ausdruck kommt: ‘Der arme Abel starb heute gegen ein Uhr, ohne Schmerzen, nach drei Tagen Schlaf. Ihre Trauer wird, ich bin sicher, auf diesen Verlust folgen. Wir lieben in ihm einen Genius für das, was er zurückläßt, und wir trauern um das, was er mit sich genommen hat. Wenn Abel nicht so ein großer Mann wie Händel war, lag es daran, daß Launenhaftigkeit die Musik schon ruiniert hatte, bevor er zur Feder griff. Ich für meinen Teil werde nicht aufhören, zum Himmel zu blicken—für die kleine Weile, die ich noch auf Erden zu leben habe—in der Hoffnung, noch einen Blick auf den Mann tun zu können, den ich liebte, seitdem ich ihn zum ersten Mal eine Saite berühren hörte. Der arme Abel! Es ist kaum eine Woche her, seit wir zusammen fröhlich waren und daß er die süßeste Melodie schrieb, die ich in der Sammlung seiner glücklichsten Gedanken habe. Mein Herz ist zu bewegt, um noch mehr sagen zu können.’ Abel war berühmt für seine Improvisations-kunst, die ihre Ideen und Motive oft von Liedern und Opernarien hernahm. Wir haben uns von diesem Verfahren anregen lassen und haben von einigen Liedern seines Kollegen J.C.Bach und von Thomas Linley Arrangements für Viola da Gamba angefertigt; sie sind neben einer zeitgenössischen Bearbeitung einer Mozart-Arie ebenfalls auf dieser CD zu hören. Rudolf Straube studierte bei J.S.Bach in Leipzig, wo er 1746 zwei Sonaten für Laute veröffentlichte. Gegen 1754 siedelte er nach London über und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahr 1785. Er hatte offenbar Schwierigkeiten, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. William Jackson’s Essay über Gainsborough zufolge suchte der Maler Straube einmal in seiner Dachkammer auf, als dieser gerade sein Abendessen, einen Apfel, zu sich nahm; Gainsborough kaufte ihm daraufhin seine Laute für zehn Guineen ab. Dieselbe Anekdote berichtet ferner, daß Straube eine Sammlung von Lautenstücken komponiert (aber noch nicht veröffentlicht) hatte, die Gainsborough ihm unbedingt abkaufen wollte, mit dem Argument, daß der Lautenist sie sicher leicht ersetzen könnte. Die besagte Sammlung wurde in der Tat niemals veröffentlicht, jedoch ist eine ganze Anzahl von Straubes Manuskripten überliefert, darunter Arrangements von damals beliebten Liedern, Etüden und Tänzen für Laute, von denen wir hier eine Auswahl eingespielt haben. Straube gab ebenfalls Unterricht auf der Englischen Gitarre und komponierte auch für dieses Instrument, das eine modische Variante der Cister war und zu dieser Zeit die Laute und sogar das Cembalo von ihrer wichtigen Rolle als bürgerliche Musikinstrumente verdrängte. Zweifellos wurde die Englische Gitarre auch in Gainsboroughs musikalischem Zirkel oft gespielt. So porträtierte er Ann Ford (die Frau seines ersten Biographen Philip Thicknesse, ihr Bild ist auf dem Cover dieser CD zu sehen), mit diesem Instrument. Durch dieses Porträt zog sie öffentlichen Spott auf sich, weil sie sich auf ihm gewissermaßen als professionelle Musikerin darstellen ließ. Die große Beliebtheit der Gitarre ließ den Cembalobauer Jacob Kirkman den Versuch unternehmen, ihren guten Ruf zu ruinieren, indem er einige aufkaufte und sie an Prostituierte und Straßenhändler gab. (Das Cembalo Kirkmans, das in dieser Aufnahme erklingt, wurde 1776 erbaut.) Die meisten Stücke dieser Aufnahme wurden ohne Zweifel in der langjährigen Konzertreihe aufgeführt, die Abel und Johann Christian Bach gemeinsam organisierten, waren aber wahrscheinlich auch in Gainsboroughs privatem Kreis zu hören; der Maler könnte sogar versucht haben, sie selbst zu spielen. Sie sind allesamt hörbare Bilder aus Gainsboroughs Welt, nicht weniger schön und aufregend als seine wunderbaren Gemälde. Lynda Sayce, 2000
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