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Thomas
Tallis: The Complete Works
Chapelle du Roi
Alle Werke von Thomas Tallis auf dieser Aufnahme stammen wahrscheinlich aus der Regierungszeit von Mary Stuart (1553—8), in der Musik für den lateinischen Ritus eine kurze neue Blütezeit erlebte. Sie schließen seine ehrgeizigsten Versuche in zwei traditionellen Musikformen mit ein—die zyklische Messe Puer natus est nobis und die Votivantiphon Gaude gloriosa—sowie die Gelegenheitsmotette Suscipe quaeso und die Psalmenmotette Beati immaculati. Die Anfänge seiner Laufbahn deuten in keinster Weise darauf hin, daß Tallis einst ganz an der Spitze seiner Kunst stehen würde. Und dennoch liegen kaum zehn Jahre zwischen seiner ersten musikalischen Anstellung, die ausgesprochen bescheiden war, und seiner letzten, die kaum ehrenreicher hätte sein können. Im Jahr 1532 war er Organist eines kleinen benediktinischen Klosters in Dover—ein äußerst niedriger Posten. Fünf Jahre später zog Tallis nach London, wo er entweder als Sänger oder Organist an der Gemeindekirche St Mary-at-Hill, bekannt für ihre Musik, angestellt war. 1538 verließ er London und trat die vermeintlich sichere Stellung als festes Mitglied des Chors der Marienkapelle der augustinischen Abtei Holy Cross in Waltham, Essex, an. Durch die Auflösung dieser Abtei im März 1540 verlor er jedoch schon bald wieder seine Arbeit. Im Frühjahr 1540 können die Aussichten eines entlassenen Kirchenmusikers kaum vielversprechend gewesen sein, aber Tallis erhielt zu diesem Zeitpunkt das wahrscheinlich bedeutendste Angebot seiner Laufbahn. Nur 14 Tage nach der Auflösung der Abtei in Waltham verlor Canterbury Cathedral ihren Status als benediktinisches Kloster und wurde unter einem säkularen Dekan und Domkapitel neu organisiert. Außerdem erhielt sie einen größeren Chor aus zehn Knaben und zwölf Männern, der dem Status der Kathedrale als fons et origo einer nationalen Kirche angemessen war. Tallis trat diesem neuen Chor im Sommer 1540 bei und blieb zwei oder drei Jahre lang eines seiner führenden Mitglieder. Diese Jahre müssen recht abwechslungsreich gewesen sein - nicht nur aufgrund der Herausforderung, in Eile ein eindrucksvolles und umfassendes Repertoire zusammenzustellen, sondern auch wegen der bitteren Dispute zwischen den konservativen Würdenträgern der Kathedrale und dem reformistisch gesinnten Erzbischof Thomas Cranmer. Vielleicht war es durch Vermittlung Cranmers, den vertrautesten Berater des Königs in seinen letzten Regierungsjahren, daß Tallis eine Anstellung in der königlichen Hauskapelle gewinnen konnte. Das genaue Datum seiner Ernennung ist nicht bekannt, aber sein Name erscheint ungefähr in der Mitte der Liste der Gentlemen (d.h. Sänger) der Kapelle im Laien-Lohnverzeichnis von 1543/4. Er blieb für den Rest seines Lebens ein Gentleman der Kapelle, stieg weiter auf und wurde letztendlich ihr anerkannter Rangältester. Er war während dieser Zeit möglicherweise Organist der Kapelle, obwohl er erst in den 1570ern als solcher erwähnt wird. Neben dem Spielen der Orgel bestand seine Aufgabe in seinen frühen Jahren an der königlichen Hauskapelle wahrscheinlich im Komponieren von Musik. Dies muß eine bedeutende Verantwortung gewesen sein, da die Kapelle zweifellos demonstrieren sollte, wie die Anweisungen der Regierung in Bezug auf Gottesdienste in die Praxis umzusetzen waren. Tallis und seine Kollegen an der königlichen Hauskapelle sahen sich einer schwierigen Aufgabe gegenübergestellt. Die religiösen Wirren der 40er und 50er Jahre des 16. Jahrhunderts führten dazu, daß Komponisten von Kirchenmusik nicht länger in einem stabilen, sicheren Umfeld arbeiteten, wie sie es bis etwa 1530 genossen hatten. In weniger als zwei Jahrzehnten wurde die Religion des Landes viermal geändert. Komponisten mußten nicht nur auf die durch diese Regierungsschwankungen hervorgerufenen Änderungen von Sprache und Liturgie reagieren, sondern auch den radikal unterschiedlichen Vorstellungen von der Rolle der Musik im Gottesdienst Ausdruck verleihen. Die Traditionalisten betrachteten Musik als zentrales Element und vertonten sowohl liturgische als auch andere Texte. Für sie war die kunstvolle Vorführung von Musik eine Lobpreisung Gottes und konnte dazu beitragen, die Heiligen gütig zu stimmen und als Fürsprecher für Seelen im Fegefeuer zu gewinnen. Die Reformisten hielten Musik für eine Ablenkung, die den wahren Sinn des Gottesdienstes verdeckte, die gesungenen Worte unverständlich machte und oft mit Texten in Verbindung stand, deren Ursprünge, Gesinnungen und Absichten ausgesprochen unbiblisch waren. Kompositionen aus dieser Zeit können nicht immer präzise datiert werden. Es ist nicht möglich, Vertonungen englischer Texte einfach den Regierungszeiten der Protestanten Edward und Elizabeth zuzuschreiben und die Vertonungen lateinischer Texte der Herrschaft der Katholiken Henry und Mary. Englische Übersetzungen von Texten der lateinischen Liturgie wurden schon in den letzten Jahren unter Henry angefertigt, und einige davon - wie z.B. Cranmers Übersetzung der Litanei (1544) - wurden vertont. Umgekehrt bedeutete die Thronbesteigung eines protestantischen Monarchen noch lange nicht, daß lateinische Texte völlig gemieden wurden. Latein war schließlich die internationale Sprache der Gelehrtheit und Diplomatie, und sowohl Edward als auch Elizabeth waren darin sehr geübt. Während Latein vielleicht als unangemessen für Gottesdienste galt, war es durchaus angemessen für gelegentliche Kompositionen, aufgeführt für Zuhörer, die die Sprache beherrschten. Zu Beginn der Herrschaft Elizabeths wurde sogar eine lateinische Version des englischen Gebetbuchs geduldet. Die 1560 veröffentlichte Übersetzung von Walter Haddon war für Universitäten und Privatschulen gedacht, hatte aber anscheinend nur wenig Erfolg, obwohl sie möglicherweise am Hof verwendet wurde. Angesichts der persönlichen Mängel der Tudors wird die Äußerung, daß Mary die beste unter ihnen war, ihr nicht besonders gerecht. Ja, sie wird ihr viel zu wenig gerecht, denn unter anderen Umständen wäre sie aufgrund ihrer Entschlossenheit, Loyalität und Frömmigkeit ebenso beliebt gewesen wie ihre Namensschwester Mary II, Tochter von James II und Frau von William of Orange. Ihre Tragödie lag in der Begehung eines einzigen katastrophalen politischen Fehlers, aufgrund dessen sie ihre Ambitionen praktisch nie verwirklichen konnte. Ihr allgemeiner Ruf leidet nach wie vor unter Jahrhunderten protestantischer Verleumdung, während der ihres Vaters Henry VIII—ein zynischer Tyrann, dessen außerordentliche Selbstüber-schätzung seiner Regierungsunfähigkeit völlig gleich kam—weiterhin idealisiert wird. Wenn ein Monarch je den Beiname ‘blutig’ verdient hat, so ist dies Henry und nicht Mary. Marys Kindheit scheint glücklich gewesen zu sein. Nach mehreren erfolglosen Schwangerschaften muß ihre Geburt im Jahr 1516 ein besonders freudiger Anlaß für Henry und seine erste Frau Katherine of Aragon gewesen sein, da beide noch jung genug waren, um zu hoffen, daß ein Sohn und Erbe folgen würde. Doch in Marys Jugendalter begannen sich recht bald düstere Wolken am Horizont abzuzeichnen. Der lang ersehnte Erbe stellte sich nicht ein, und da Katherine nun das Alter erreichte, in dem sie keine Kinder mehr gebären konnte, beschloß Henry, erneut zu heiraten. Als Kardinal Wolseys diplomatischen Versuche fehlschlugen, Papst Klemens VII zu überreden, die Ehe zwischen dem König und Katherine zu annullieren (der Papst war zu der Zeit praktisch Gefangener des Kaisers Charles V, Katherines Neffe), setzte sich Henry über die päpstliche Autorität hinweg, nationalisierte die englische Kirche und erteilte sich selbst das Recht der Ehescheidung durch seine Marionette Thomas Cranmer. Seine vorherige Antipathie gegenüber dem Protestantismus (der Titel ‘Verteidiger des Glaubens’, den die englischen Monarchen bis heute tragen, war ihm von Papst Leo X in Anerkennung seiner Opposition zum lutherischen Glauben verliehen worden) wurde durch eine vorsichtige Toleranz ersetzt, als er nun versuchte, Unterstützung für seine Behandlung der Kirche zu gewinnen. Für den größten Teil seiner restlichen Regierungszeit steuerte die anglikanische Kirche - mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung in den späten 30er Jahren, als Henry wieder eine konventionelle katholische Position bezog - stetig auf den Protestantismus zu. Die Schurken, die England im Namen des königlichen Kindes Edward VI (1547—53) regierten, trieben das Land immer schneller in diese Richtung, indem sie den lateinischen Ritus 1549 durch das relativ konservative First Book of Common Prayer ersetzten und dann 1552 das radikalere Second Book einführten. Bei Mary müssen diese Ereignisse einen traumatischen Eindruck hinterlassen haben. Die Erfahrung, daß ihre Mutter durch ihren Vater zurückgestoßen und sie selbst als illegitim erklärt wurde, muß für sie ebenso verwirrend wie verletzend gewesen sein, und zu erleben, daß die Kirche ihrer Kindheit sich von Rom und dem Alleinglauben der katholischen Kirche abwandte, muß für eine junge Frau, die von ihrer spanischen Mutter all die Hingabe zu einer konventionellen Religion geerbt hatte, zutiefst verstörend gewesen sein. Sie handelte zwanzig Jahre lang konsequent und umsichtig und wich nie von dem Glauben ab, in dem sie erzogen worden war. Sie konnte nur mit größter Schwierigkeit und angesichts einer tatsächlich möglichen Hinrichtung dazu gezwungen werden, die Vorherrschaft ihres Vaters über die Kirche anzuerkennen. Während Edwards Regierungszeit lebte sie in Abgeschiedenheit, um den Machthabern möglichst wenig Gelegenheit zu geben, sie anzugreifen. Alles was sie tun mußte, war warten; laut dem Testament ihres Vaters würde sie, im Fall daß Edward keinen Erben hinterließ—eine Tatsache, die immer wahrscheinlicher wurde—Königin werden. Als nach Edwards Tod im Juli 1553 der Duke of Northumberland versuchte, die protestantische Regierung beizubehalten, indem er Lady Jane Grey auf den Thron setzte, bewies Mary Mut und Entschlossenheit, indem sie ihre eigene Thronbesteigung verkündete und mit ihren Anhängern in London einzog. Sie wurde als erwachsene Herrscherin begrüßt, die nicht eine willenlose Schachfigur in einer weiteren von Parteien zerrütteten Regierung sein würde, und als eine Verfechterin des alten Glaubens, dem wahrscheinlich noch der Großteil der Bevölkerung anhing. Als Königin begann Mary damit, die religiöse Politik der letzten zwei Jahrzehnte rückgängig zu machen. Die königliche Vorherrschaft wurde zurückgenommen, die päpstliche wieder anerkannt und der lateinische Ritus wieder eingeführt. Es ist interessant festzustellen, daß eine große Anzahl Meßbücher aus Salisbury, die den Beauftragten von Edward IV zur Vernichtung ausgehändigt hätten werden sollen, nun wieder ans Tageslicht und in Gebrauch kamen, als hätten ihre Besitzer nicht daran geglaubt oder glauben wollen, daß die protestantische Phase anhalten würde. Eine völlige Rückkehr war jedoch nicht möglich; die vollständige Umverteilung der Ländereien nach der Auflösung der Klöster verhinderte deren Restauration auf breiter Ebene, so daß nur eine kleine Anzahl - einschließlich St Peter’s, Westminster - neu gegründet wurden. Es gibt wenige Anzeichen dafür, daß Marys religiöse Politik am Anfang auf großen Widerstand seitens der Mehrheit ihrer Untertanen stieß; ihre entscheidende Fehlkalkulation bestand darin, Philipp II von Spanien zu heiraten. Ihr dringlicher Wunsch nach einem Erben, der die Thronbesteigung ihrer protestantischen Halbschwester Elizabeth verhindern würde, war verständlich, und ihre Wahl von Spanien als Verbündeten gegen den gemeinsamen Feind, Frankreich, schien vernünftig, doch sie unterschätzte die englische Xenophobie und die kalte fanatische Persönlichkeit ihres Ehegatten. Nach der Eheschließung im Juli 1554 blieb Philipp mehrere Monate in England, verließ jedoch dann - beleidigt über die Weigerung des Parlaments, ihn als autonomen König anzuerkennen - das Land und kehrte nicht wieder zurück. Mary wurde in ihren letzten Jahren zunehmend einsamer und unglücklicher: es war ihr nicht gelungen, einen Erben zu empfangen; ihr abwesender Gatte hatte sie in eine intolerante religiöse Politik getrieben, die auf zunehmenden Widerstand stieß; durch das verhaßte Bündnis mit Spanien hatte England all seine Besitztümer in Frankreich verloren. Als sie im November 1558 starb, wußte sie, daß Elizabeth all die Arbeit, die die Ambition ihres Lebens gewesen war, wieder zerstören würde. Die Wiedereinführung des lateinischen Ritus wurde wahrscheinlich von den Musikern von Marys Kapelle begrüßt—zumindest von jenen ohne große protestantische Überzeugungen—da dies eine Konzentration auf substantiellere und interessantere Musik als die unter Edwards Regierung mit sich brachte. Es war einfach genug, die musikalischen Formen wieder aufzugreifen—den votiven Wechselgesang, das Magnifikat, die festliche Messe, das Responsorium—die vor der Einführung des Book of Common Prayer im Schwange waren. Marys emotionales Engagement für die religiöse Welt ihrer Kindheit scheint Komponisten dazu angeregt zu haben, Werke zu komponieren, die in ihrer Pracht an die der 20er Jahre des 16. Jahrhunderts erinnerten - allerdings in einem Stil, der jüngeren Entwicklungen entsprach. Daher besteht die Musik von Tallis, John Sheppard, William Mundy, Robert Parsons und Robert Whyte für den wieder eingeführten Ritus aus Salisbury hauptsächlich aus fünf, sechs oder mehr Stimmen - groß angelegt und in einem verzierten und rhythmisch überschäumenden Stil gehalten, dabei jedoch stark abhängig von Imitation, Kontrasten in der Textur und klarer Deklamation. Wenn letztere Merkmale auf einen Einfluß kontinentaler Musik hindeuten, so könnte dies auf die Anwesenheit der spanischen königlichen Kapelle während Philipps Hochzeitsbesuch zurückzuführen sein. Tallis’ siebenteilige Messe Puer natus est nobis gründet auf dem einstimmigen Introitus aus der dritten Weihnachtsmesse, angelegt als ein Cantus firmus von hohen Notenwerten für die Tenorstimme. Die Wahl eines einstimmigen Cantus firmus aus der Messe anstatt des Offiziums ist äußerst ungewöhnlich, und diese Art der Vertonung war in der Mitte des 16. Jahrhunderts bereits veraltet. Die Wahl des Cantus firmus—‘Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter’—und sein Aufbau in der traditionellen Art der englischen Festmesse ist jedoch durchaus sinnvoll, wenn das Werk für eine Aufführung zu Weihnachten 1554 verfaßt wurde, als allgemein angenommen wurde, daß Mary einen Erben erwartete. Die ungewöhnliche Partiturierung für zwei Altstimmen, zwei Tenöre, Bariton und zwei Bässe könnten darauf hindeuten, daß der Chor von Philipps Kapelle, der offensichtlich über keine Oberstimmen verfügte, an der Aufführung teilnahm. Die Messe stellt eine seltsame Stilmischung dar: der Einsatz des Cantus firmus ist altmodisch, doch die Stimmpartiturierung behält durchgehend eine volle Textur bei, ohne erweiterte Teile für weniger Stimmen, was bisher für die englische Kirchenmusik typisch war; und während die Melismatik, stimmliche Verzierung und die massiven tiefen Klänge an die Vergangenheit erinnern mögen, sind die knappe Imitation und Entwicklung kurzer Motive durch und durch modern. Obwohl drei Fragmente der Messe seit vielen Jahren bekannt waren, wurde sie erst durch die Entdeckung neuer Manuskriptquellen vor etwa einer Generation aufführbar. Das Gloria ist nun vollständig und im Sanctus und Agnus mußten nur kleine Teile restauriert werden. Allerdings fehlt ein Großteil des Credo - nur die vier Stimmen des letzten Teils sind überliefert. Auf dieser Aufnahme sind die drei kompletten Sätze von den einstimmigen Offizien der dritten Weihnachtsmesse umschlossen, so daß wir den Introitus Puer nobis hören können, bevor wir ihn als den Cantus firmus der Polyphonie antreffen. Die Tatsache, daß die ungewöhnliche siebenstimmige Struktur und Partiturierung der Messe Puer natus auch in der Motette Suscipe quaeso wiederzufinden ist, hat zu der Annahme geführt, daß die beiden Werke in irgendeiner Form miteinander verknüpft sind, obwohl sie keine anderen offensichtlichen Ähnlichkeiten aufweisen. Jeremy Noble und Paul Doe haben vorgeschlagen, daß das Werk aufgrund der streng büßerischen Qualität des Textes und düsteren stimmlichen Textur für die Zeremonie im November 1554 gedacht gewesen sein könnte, in der Kardinal Pole England von der Kirchenspaltung freisprach. Mehrere Merkmale der Vertonung - zum Beispiel die dramatisch steigende kleine Sexte bei ‘quaeso’ der eröffnenden Phrase, die emphatische Homophonie bei jeder Äußerung von ‘peccavi’ und die Wiederholung der rhetorischen Fragen ‘Quis sustineat’ und ‘Qui se dicere audeat’ - scheinen Tallis in eine ungewöhnliche enge Beziehung zu seinem Text geführt zu haben. Beati immaculati ist die Vertonung der ersten sechs Verse von Psalm 118 (Psalm 119 im anglikanischen Psalter). Obwohl es nur mit dem englischen Text Blessed are those that be undefiled überliefert ist, spricht einiges dafür, daß es sich dabei um eine Nachahmung oder Bearbeitung einer lateinischen Vertonung handelt: die englischen Worte sind der Musik manchmal recht wenig angepaßt, die Partiturierung für fünf verschiedene Stimmen und die Aufnahme erweiterter Verse für weniger Stimmen sind typischer für Musik vor als nach der Reformation; Tallis verfaßte mindestens zwei weitere Psalmenmotetten (Domine quis habitat und Laudate dominum); und außerdem existiert eine lateinische Vertonung der ersten acht Verse des gleichen Psalms von William Mundy. Auf dieser Aufnahme ist der englische Text durch die lateinische Vulgata-Version ersetzt worden; er paßt äußerst gut zur Musik und erfordert nur geringe Änderungen der Rhythmen von Tallis. Es herrschen verschiedene Meinungen über die Datierung der gigantischen Votivantiphone Gaude gloriosa dei mater, doch es ist mit Sicherheit Tallis’ letztes Werk dieser Form, in das er all seine vorherigen Erfahrungen einbrachte. Er behält die Vers-Tutti-Struktur des Wechselgesangs vor der Reformation bei und schreibt sogar ein prachtvolles doppeltes Gymel, das in seinen aufgeteilten Ober- und Altstimmen an Taverner anklingt, aber nun tragen die Tuttis das Hauptgewicht der Struktur. Einige Autoren haben das Gaude gloriosa in die Regierungszeit Henrys gelegt, andere in die von Mary. Wenn es unter Henry fällt, muß es relativ spät in dessen Regierungszeit verfaßt worden sein, da es einen bedeutenden Fortschritt gegenüber dem Salve intemerata in der Handhabung der Imitation zeigt (die musikalischen Ideen sind charaktervoller, vielseitiger und kühner imitiert), in der Textur (die sechs Stimmen werden gleichmäßiger behandelt) und im Aufbau (die Proportionen sind ausgewogener, mit einer meisterhaften Beherrschung des Tempos und keinem Verlust des Impetus in letzten Tutti). Es ist jedoch kaum vorstellbar, daß ein derartig eindeutig der Jungfrau Maria geweihtes Stück in der Kapelle des Königs gesungen wurde; es mag Institutionen gegeben haben, in denen eine derartige Musik selbst Mitte der 40er Jahre des 16. Jahrhunderts noch begrüßt wurde, doch der königliche Haushalt wird kaum dazu gezählt haben. Eine Abstammung aus Canterbury ist vorstellbar, aber es ist unwahrscheinlich, daß Tallis’ früheren Chöre in der Lage waren, ein derartig herausforderndes Werk zu meistern. Die Reife des Gaude gloriosa und seine allgemeine Ähnlichkeit mit den sechsstimmigen Antiphonen von William Mundy wie Vox patris caelestis, die nach 1553 verfaßt worden sein müssen, deuten stark darauf hin, daß es aus Marys Regierungszeit stammt, in der der Text—ein neunfacher Anruf der Jungfrau, der ihren Jubel über die göttlichen Segnungen, die auf sie herabschütten, feiert—sowohl als Anbetung der Himmelskönigin als auch eine Huldigung der Königin Englands gedient haben muß. Nick Sandon, 12. Oktober 1997 [1] Beati immaculati Beati immaculati in via qui ambulant in lege Domini. Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! [2] Introit Ps. Cantate Domino canticum novum: quia mirabilia fecit. Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto: sicut erat in principio et nunc et semper: et in secula seculorum. Amen. Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat. P. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war am Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [3] Kyrie: Deus creator Deus creator omnium tu theos ymon nostri pie eleyson. O Gott, Schöpfer aller Dinge, du, der gütige Gott, erbarme dich unser. [4] Mass: Puer natus est nobis - Gloria Gloria in excelsis deo. Et in terra pax hominibus bone voluntatis. Laudamus te. Benedicimus te. Adoramus te. Glorificamus te. Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam. Domine Deus, rex celestis, Deus Pater omnipotens. Domine fili unigenite, Jesu Christi. Domine Deus, agnus Dei, Filius Patris. Qui tollis peccata mundi, miserere nobis. Qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram. Qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis. Quoniam tu solus sanctus. Tu solus Dominus. Tu solus altissimus, Jesu Christe. Cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris. Amen. Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden den Menschen mit gutem Willen. Wir loben dich, wir segnen dich, wir beten dich an, wir lobpreisen dich, wir danken dir für deine große Herrlichkeit, O Gott der Herr, himmlischer König, allmächtiger Gott Vater. Herr, eingeborener Sohn Jesu Christ, O Gott der Herr, Lamm Gottes, Sohn des Vaters, der du trägst die Sünden der Welt, erbarme dich unser. Du, der du trägst die Sünden der Welt, erbarme dich unser. Du, der du trägst die Sünden der Welt, höre unser Gebet. Du, der du zur rechten Hand von Gott dem Vater sitzt, erbarme dich unser. Denn nur du bist heilig, nur du bist der Herr, nur du, O Christe, mit dem Heiligen Geist, stehst in der höchsten Ehre Gott des Vaters. Amen. [5] Gradual Viderunt omnes fines terre salutare Dei nostri: iubilate deo omnis terra. V. Notum fecit dominus salutare suum: ante conspectum gentium revelavit iustitiam suam. Sie sahen alle Enden der Welt unseren Herrn grüßen: Freut euch des Herrn, alle Lande. V. Der Herr hat seine Erlösung verkündet: er hat seine Gnade im Angesicht aller Völker offenbart. [6] Alleluia Alleluia. V. Dies sanctificatus illuxit nobis: venite gentes, et adorate Dominum: quia hodie descendit lux magna super terram. Halleluja. V. Dieser heiligste Tag hat uns allen das Licht gebracht: Kommt alle Völker und lobt den Herrn: denn heute ist ein großes Licht zur Erde herabgekommen. [7] Sequence Celeste organum hodie sonuit terra. Heute erscholl das himmlische Instrument auf Erden. [8] Sanctus Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. [9] Benedictus Benedictus qui venit in nomine domini. Osanna in excelsis. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe. [10] Agnus Dei Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt: Erbarme dich unser. [11] Communion Viderunt omnes fines terre salutare Dei nostri. Sie sahen alle Enden der Welt unseren Herrn grüßen. [12] Suscipe quaeso Suscipe quaeso Domine, vocem confitentis. Scelera mea non defendo; peccavi. Deus miserere mei; peccavi, dele culpas meas gratia tua. Si enim iniquitates recordaberis quis sustineat? Quis enim justus qui se dicere audeat sine peccato esse? Nullus est enim mundus in conspectu tuo. Erhöre, O Herr, die Stimme des Beichtenden. Meine Sünden verteidige ich nicht; ich habe gesündigt. O Herr, erbarme dich meiner; ich habe gesündigt, wasche mich von meinen Sünden rein durch deine Gnade. Denn wenn du Missetaten nicht vergißt, wer könnte es ertragen? Wer ist so gerecht, daß er zu sagen wagte, er sei ohne Sünde? Denn es gibt niemanden, der vor deinen Augen rein ist. [13] Gaude gloriosa Gaude gloriosa dei mater virgo Maria vere honorificanda, quae a domino in gloria super caelos exaltata adepta es thronum. Freue dich, herrliche Mutter Gottes, wahrlich verehrte Jungfrau Maria, die du von Gott in Herrlichkeit über die Himmel auf deinen Thron erhoben worden bist. |
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