Kommentar Diese Aufnahme ist die erste in einer Reihe, die dem Gesamtwerk von
Thomas Tallis gewidmet ist. Sie schließt Kirchenmusik mit ein, die er im
ersten Jahrzehnt seiner Karriere schrieb - ungefähr zwischen 1530 und
1540.
Über Tallis’ Leben - insbesondere über seine frühen Jahre - ist
relativ wenig bekannt. Er wurde wahrscheinlich im ersten Jahrzehnt des 16.
Jahrhunderts in Kent geboren. Als wir im Jahr 1532 zum ersten Mal von ihm
hören, ist er Organist des Dover Priory, ein kleines benediktinisches
Kloster, bestehend aus etwa einem Dutzend Mönche. Wir wissen nicht, ob
sich Tallis’ Pflichten auf das Orgelspielen beschränkten oder ob er die
Gelegenheit hatte, mit professionellen Sängern zu arbeiten. Die
wohlhabenderen Mönchshäuser der Epoche bemühten sich auf jeden Fall
darum, an der zu jener Zeit üblichen Pflege kunstvoller Kirchenmusik
teilzunehmen, indem sie einen kleinen Chor professioneller Sänger aus dem
Laienstand anstellten; ein solcher Chor, der sich in hohem Maße vom
eigenen Chor der Mönche unterschied, wäre in der Marienkapelle des
Klosters aufgetreten, da dies häufig der einzige Teil der klösterlichen
Kirche war, der vom Laienstand betreten werden durfte. Dover Priory war
jedoch alles andere als wohlhabend - in den frühen 30ern des 16.
Jahrhunderts betrug sein jährliches Einkommen in etwa £170 - weniger als
ein Zehntel des Einkommens eines bedeutenden benediktinischen Klosters wie
St Alban’s - und es kann kaum in der Lage gewesen sein, viel Geld für
Musik auszugeben. Andererseits scheint die Tatsache, daß das Kloster
einen Laienorganisten einstellte, auf ein ernsthaftes Interesse an der
Musik hinzuweisen. Außerdem war Dover eine Zelle oder abhängiges Haus
der Kathedrale von Canterbury, die wiederum selbst ein benediktinisches
Kloster war. Die Kathedrale hatte eine lange und lebhafte Musiktradition,
zu der nicht nur die Unterhaltung eines Chores für die Marienkapelle gehörte,
sondern auch die Förderung der musikalischen Talente der Mönche. Es ist
durchaus möglich, daß diese Tatsache zu der Beschäftigung mit Musik in
Dover beigetragen hat. Dennoch muß ein solcher, Tallis im Dover Priory
zur Verfügung gestellter Chor sehr klein gewesen sein - möglicherweise
ein Solist für jede der unteren Stimmen und drei oder vier Knaben für
die hohen Partien.
Es scheint keine Aufzeichnung über Tallis’ Verlassen von Dover zu
geben, doch das Kloster selbst wurde im Herbst 1535 aufgelöst, sehr bald
nachdem es von den Kommissionären des Königs aufgesucht worden war. Dies
könnte darauf hinweisen, daß ernsthafte Probleme vorlagen. Vor der
landesweiten Verwirklichung des Regierungsplans von 1536, die kleineren Klöster
aufzulösen, wurden nur die ärmsten, korruptesten oder anderweitig
heruntergekommenen Häuser sofort nach einem offiziellen Besuch
geschlossen. Wir begegnen Tallis das nächste Mal zwischen 1537 und 38 in
London, wo er bei der Gemeindekirche St Mary-at-Hill in Billingsgate,
etwas westlich des Tower of London angestellt ist (wir wissen nicht genau,
ob als Sänger oder Organist). Robert Okeland oder Hockland - später
einer von Tallis’ Kollegen in der Chapel Royal (der religiösen
Abteilung des königlichen Haushalts, zu der sowohl Geistliche als auch
Musiker gehörten) - war von 1534 bis 35 Organist für St Mary’s
gewesen. St Mary’s scheint hinsichtlich der Förderung von Musik eine
der fortschrittlichsten Londoner Kirchen gewesen zu sein: Sie hatte
zwischen 1517 und 18 eine neue Orgel gekauft und bis zur Mitte der 30er
Jahre einen Chor aufgebaut, der in der Lage war, fünfstimmig zu singen.
Zu seinem Repertoire gehörten Messen, Antiphone, Musik für die ‘Lady
Mass’ und ‘carolles for cristmas’ (Weihnachtslieder). Mit seinen
lebhaften gesellschaftlichen, religiösen, intellektuellen und
kommerziellen Aktivitäten und seiner Nähe zu den wichtigsten Zentren der
Regierung und Schirmherrschaft muß London sicher ein stimulierendes
Umfeld als Dover gewesen sein. Etwa vier Meilen südöstlich von St
Mary’s lag der königliche Palast von Greenwich, die beliebteste
Residenz Heinrich VIII im späteren Teil seines Lebens. Tallis mag
durchaus Kontakt mit den Sängern der Chapel Royal und den Kammermusikern
des Königs und der Königin gehabt haben, von denen einige Grundstücke
in Greenwich oder der Stadt besaßen oder gepachtet hatten. Er hat
vielleicht sogar ein paar Sänger der Chapel Royal auf professioneller
Ebene getroffen: Im ersten und zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts
hatten eine Reihe von ihnen an bedeutenden Festtagen in St Mary’s
gesungen, und es ist möglich, daß dieser Brauch auch in den 30er Jahren
fortgesetzt wurde.
Trotz seiner Attraktionen erwies sich London für Tallis nur als eine
Durchgangsstation. Wahrscheinlich wechselte er im Herbst 1538 zur
augustinischen Abtei Holy Cross in Waltham, Essex über. Dieser Wechsel läßt
sich möglicherweise durch die Nähe des Londoner Hauses des Abtes zur
Kirche von St Mary-at-Hill erklären. Mit einem Jahreseinkommen von £900
war Waltham Abbey durchaus in der Lage, einen Chor für die Marienkapelle
zu unterhalten. In den späten 30ern des 16. Jahrhunderts bestand dieser
aus etwa einem halben Dutzend Knaben und wahrscheinlich ungefähr der
gleichen Anzahl von Männern, unter denen Tallis offensichtlich einer der
ranghöchsten war. Wenn die Aussicht auf langfristige Sicherheit Tallis
nach Waltham gelockt hatte, so wurden seine Pläne bald durchkreuzt. Im
Jahr seines Umzug in die Abtei begann die Regierung mit der Auflösung der
größeren Klöster. Am 23. März 1540 wurde Waltham als letzte englische
Abtei aufgelöst. Da Tallis der Organisation nur kurz zuvor beigetreten
war, erhielt er keine Pension, sondern lediglich die ihm noch zustehende
Entlohnung von 20 Schillingen und 20 Schillinge ‘Entschädigung’.
Diese Phase in Tallis’ Leben ist für diejenigen, die mit einem
unkritischen Auge auf jene Zeit zurückblicken, sehr lehrreich. Wir
geraten leicht in Versuchung, den Verlauf der englischen Reformation als
unvermeidlich und vorhersagbar zu betrachten; doch hier stellen wir fest,
daß Tallis, der doch sicherlich wie jeder andere professionelle Musiker
in London die kommenden Ereignisse erahnen mußte, einen Karriereschritt
unternahm, der ihn achtzehn Monate später in eine Sackgasse führte. In
Wirklichkeit war die Regierungspolitik hinsichtlich religiöser Fragen in
den späten 30er und den frühen 40er Jahren erstaunlich unberechenbar und
manchmal geradezu widersprüchlich, und dies muß eine extrem
beunruhigende Auswirkung auf die Kirchenmusik gehabt haben.
Man sollte eigentlich erwarten, daß die Aussichten eines entlassenen
Kirchenmusikers in den 40er Jahren des 16. Jahrhunderts äußerst düster
waren. Paradoxerweise schuf jedoch die Auflösung der Klöster selbst
einige attraktive Möglichkeiten. Ungefähr die Hälfte der
mittelalterlichen Kathedralen Englands - Bath, Canterbury, Coventry,
Durham, Ely, Norwich, Rochester, Winchester und Worcester - waren
benediktinische Klöster gewesen. Nach ihrer Auflösung wurden die meisten
von ihnen sofort als säkulare Kathedralen neu gegründet, und in dieser
neuen Form mit größeren professionellen Chören ausgerüstet, als dies während
ihrer klösterlichen Existenz möglich gewesen wäre. Als Einheimischer
Kents und ehemaliger Organist des Dover Priory war Tallis möglicherweise
in der Lage, in Canterbury, das sich am 4. April der Krone ergeben hatte,
einige Beziehungen spielen zu lassen. Auf jeden Fall steht sein Name an
oberster Stelle unter den angestellten Laien auf einer undatierten Liste
der neuen Mitglieder des Chores, die offenbar im Sommer 1540 aufgestellt
wurde. Der aus zehn Knaben und zwölf Männern bestehende Chor war mit
Sicherheit darauf ausgerichtet, Englands Mutterkirche alle Ehre zu
bereiten. Hier war Tallis ein führendes Mitglied in einem Ensemble von
wahrscheinlich doppelter Größe wie alle anderen, zu denen er bisher gehört
hatte. Er war Mitglied dieses Chores in einer Phase, in der dieser äußerst
beschäftigt gewesen sein muß und ein ebenso eindrucksvolles wie auch
eindeutig konservatives Repertoire aufbaute. Interessanterweise war
Canterbury in den frühen 40ern Zentrum einer bitteren religiösen
Kontroverse: Während der Erzbischof Thomas Cranmer zu den führenden
Vertretern der religiösen Reform gehörte, waren eine Reihe einflußreicher
Mitglieder des Domkapitels strenge Traditionalisten (die bald ihren
Erzbischof wegen Ketzerei verfolgen sollten).
Trotz dieser aufregenden Zeit - oder vielleicht gerade deshalb - blieb
Tallis nur zwei Jahre lang in Canterbury. 1542 wurde er zum Gentleman
(d.h. zum Sänger) der Chapel Royal erhoben. Er hatte dies Glück möglicherweise
Erzbischof Cranmer zu verdanken, der einer der vertrautesten Berater des Königs
geworden war. Tallis war nun in seinem Beruf an der für ihn höchstmöglichen
Stelle angelangt, und es ist nicht überraschend, daß er für den Rest
seines Lebens Mitglied der Chapel Royal blieb. Selbst wenn er einen
weiteren Karriereschritt angestrebt hätte, wären die Gelegenheiten dafür
in Kürze aufgrund der allgemeinen Auflösung von Kirchenchören unter der
Regierung von Edward VI (1547-53) extrem begrenzt geworden. Tallis mag während
seiner Mitgliedschaft des Chores durchaus auch Organist für die Kapelle
gewesen sein, obwohl er diesen Titel nicht vor den 70er Jahren erhielt.
Ungefähr 1552 heiratete er - eine Entscheidung, die ein Mann häufig so
lange verschob, bis er die nötige Sicherheit erlangt hatte - doch er und
seine Frau Joan blieben offenbar kinderlos. Tallis’ spätere Karriere
wird in den Anmerkungen zu den Aufnahmen dieser Serie, die seiner späteren
Musik gewidmet sind, genauer erläutert werden. Bei seinem Tod im Jahr
1585 war er zum Rangältesten in der englischen Musik geworden: ein
Komponist mit immenser und vielseitiger Erfahrung, der Mentor und Geschäftspartner
von William Byrd und die Verbindungsfigur zu einer Vergangenheit, die
unter der neuen Generation schnell in Vergessenheit geriet. Er wurde etwa
hundert Jahre nach Chaucers Tod geboren und starb hundert Jahre vor Händels
Geburt.
Tallis begann seine musikalische Karriere zu einer Zeit, in der die
Kultur der Kirchenmusik auf ihrem Höhepunkt stand. Eine erstaunlich hohe
Anzahl an religiösen Organisationen - königliche und adelige
Hauskapellen, Kathedralen, Kollegiatkirchen, die größeren Klöster,
sogar Gemeindekirchen - kultivierten mit großem Eifer chorale Musik von
besonders ausgeschmückter, farbenfroher und virtuoser Art. Der Standard
des choralen Gesangs in England scheint äußerst hoch gewesen zu sein und
wurde von Beobachtern aus dem Ausland sehr gelobt, trotz der Tatsache, daß
das Idiom der englischen Musik jedem, der das Werk von Josquin kannte,
altmodisch erscheinen mußte. Der Gipfel dieser Stilrichtung wurde
wahrscheinlich Mitte der 20er Jahre des 16. Jahrhunderts erreicht, als
Komponisten wie John Taverner, Nicholas Ludford, Richard Pygott und Hugh
Aston den etablierten Stil durch ein neues Gefühl für Disziplin und
Schwung aufrüttelten. Mögliche Änderungen lagen jedoch bereits in der
Luft: Ende der 20er Jahre begannen einige Komponisten mit einem nüchterneren
Stil zu experimentieren, der größeren Wert auf Verständlichkeit des
Textes und Klarheit des Aufbaus als auf Klangreichtum und ornamentale Fülle
legte. Es ist verlockend, aber wahrscheinlich zu oberflächlich, derartige
Experimente ausschließlich als den Ausdruck religiöser - geschweige denn
protestantischer - Ideen zu interpretieren; die Motivation mag teilweise
oder sogar völlig musikalischer Natur gewesen sein, denn es ist schwer zu
verstehen, wie der blumige Stil der 20er Jahre sich ohne ziemlich radikale
Veränderungen entwickelt haben könnte. Andererseits muß die Musik von
reformierten Ideen beeinflußt worden sein, wenn die Regierung sie während
fast der gesamten 30er Jahre tolerierte, oder zumindest bis der König
selbst gegen Ende des Jahrzehnts eine sehr konservative religiöse
Position bezog. Für junge Komponisten wie Tallis müssen die Zeiten
sowohl stimulierend als auch verwirrend gewesen sein.
Im frühen Tudor-England, bis zur Abschaffung des römisch-katholischen
Ritus und der Einführung des Booke of the Common Prayer (Buch des
gemeinsamen Gebets) zu Pfingsten, dem 9. Juni 1549, befaßten sich
Komponisten mit vier Hauptformen der Kirchenmusik: Messen, Magnifikaten,
Votivantiphonen und kleineren liturgischen Werken. Englische Messen, zu
denen groß angelegte Vertonungen für bedeutende Festtage und einfachere
Vertonungen für den alltäglicheren Gebrauch gehörten, bestanden
normalerweise aus vier Sätzen - Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus und
Agnus Dei - die durch gemeinsames Musikmaterial miteinander verbunden
waren. Das Magnifikat wurde während des Abendgottesdienstes der Vesper
gesungen. Votivantiphone waren Vertonungen von Andachtstexten, die nach
dem Compline, dem letzten Gottesdienst des Tages, vor dem Bild oder Altar
des Heiligen, an den der Text gerichtet war, gesungen wurden. Die
kleineren liturgischen Werke waren ziemlich unterschiedlich, schlossen
jedoch gewöhnlich Cantus planus-Sätze mit ein, die in der ‘Lady
Mass’ (der besonderen Votivmesse der Heiligen Jungfrau) oder an
besonderen Festtagen wie Ostern oder Weihnachten gesungen wurden; häufig
wurde die Cantus planus-Melodie, zu der der Text normalerweise gesungen
wurde, in die polyphone Vertonung mit einbezogen. Während der 30er Jahre
des 16. Jahrhunderts bestand die übliche englische chorale Struktur aus fünf
Stimmen: Diskant, Alt (normalerweise ‘Mittelstimme’ genannt), hoher
Tenor, tiefer Tenor oder Bariton und Baß. Bei kleineren Chören oder
bescheideneren Anlässen wurde möglicherweise drei- oder vierstimmige
Musik verlangt. Offenbar wurde die stimmliche Polyphonie nicht von der
Orgel begleitet, obwohl sie bei einigen polyphonen Stücken von Vers zu
Vers mit dem Chor abwechselte; auch konnte sie den Chor bei der Aufführung
des Cantus planus unterstreichen oder ersetzen, und sie wurde auf jeden
Fall für freie Vor- und Zwischenspiele verwendet. Andere Instrumente
spielten scheinbar keine regelmäßige Rolle in der Aufführung von
Kirchenmusik.
Von den vier im vorigen Abschnitt erwähnten Musikkategorien ist
lediglich das Magnifikat nicht auf dieser Aufnahme vertreten (obwohl
Tallis’ vierstimmige Vertonung möglicherweise aus den 30er Jahren des
Jahrhunderts stammt). Das Votivantiphon ist durch drei groß angelegte
Werke vertreten - Ave dei patris, Ave rosa sine spinis und Salve
intemerata - die Messe durch eine kleiner angelegte Vertonung, die auf
dem Salve intemerata aufbaut, und die liturgische Kategorie durch
zwei Stücke aus der ‘Lady Mass’ - Alleluia [Ora pro nobis] und
Euge celi porta.
Der Versuch, diese Werke zu datieren - oder gar in eine chronologische
Reihenfolge zu setzen - wirft einige interessante Probleme auf, da sich
das Beweismaterial der musikalischen Quellen manchmal von dem der Musik
unterscheidet. Eine Chronologie, die allein auf dem musikalischen Stil
aufbaut, würde die vier größeren Werke mit Sicherheit in die oben
genannte Reihenfolge stellen. Das Ave dei patris trägt starke Züge
der Unerfahrenheit, das Ave rosa sine spinis gleicht dem Ave dei
patris weitgehend, wirkt jedoch etwas kontrollierter, das Salve
intemerata ist auffallend besser geplant und kunstvoller geschrieben
als die beiden anderen Antiphone und offensichtlich vor der daraus
abgeleiteten Messe datiert. Das Quellenbeweismaterial rückt diese Schlußfolgerungen
jedoch in ein zweifelhaftes Licht. Das Ave rosa sine spinis und das
Salve intemerata sowie die damit verbundene Messe waren alle in
einen Sammlung von Stimmpartien (Cambridge, University Library, Peterhouse
MSS 471-4) enthalten, die etwa um 1540, in der Zeit, als Tallis dem
Domchor beitrat, für die Kathedrale von Canterbury zusammengestellt
worden waren; es kann durchaus sein, daß Tallis diese Werke selbst dem
Kopisten zur Verfügung gestellt hat. Dagegen wurde das Ave dei patris nicht
in diese Stimmpartien mit aufgenommen und ist nur in spätelisabethanischen
und jakobäischen Quellen aus der Zeit nach dem Tode des Komponisten überliefert.
Wenn es sich hierbei wirklich um das früheste von Tallis’
Votivantiphonen handelt, warum blieb es dann nur in sehr späten Quellen
erhalten? In diesem Kontext könnte das Fehlen des Ave dei patris in
den für Canterbury kopierten Stimmpartien bedeutend sein. Vielleicht hat
Tallis das Ave dei patris nicht zum Kopieren weitergeleitet -
vielleicht hat er sogar versucht, es zu unterdrücken - weil er es als
eine Stundentenkomposition betrachtete, die für seine Reife nicht repräsentativ
war.
Die Datierung des Salve intemerata stellt ebenfalls ein Problem
dar. Das musikalische Beweismaterial deutet darauf hin, daß es das späteste
der in Frage stehenden Votivantiphonen ist, doch es stammt aus einer
Quelle, die allgemein als die älteste mit Musik von Tallis betrachtet
wird, ein einziges Stimmpartienbuch (London, British Library, Harley MS
1709), dessen übriger Inhalt eher auf die 20er als die 30er Jahre des 16.
Jahrhunderts hinweist. Außerdem erschien der von Tallis vertonte Text zum
ersten Mal gedruckt in einem 1527 veröffentlichten Stundenbuch. Man ist
daher gerne versucht, die Komposition des Salve intemerata in den
späten 20er Jahren anzusiedeln und das Ave dei patris sowie das Ave
rosa sine spinis zurück in die Mitte der 20er Jahre zu verlegen, um
so den Reifeprozeß zu erklären, der scheinbar zwischen der Komposition
dieser Werke stattgefunden hat. Die daraus erwachsenden Implikationen müssen
jedoch durchdacht werden, da sie einige schwierige Fragen aufwerfen. Wenn
Tallis Musik von dieser Qualität in den 20er Jahren komponiert hat, warum
nahm er dann 1532 einer äußerst unwichtige Position in der Musikwelt
ein? Warum hat sich seine Karriere so langsam entwickelt? Warum trug er
bei seinem Umzug nach Canterbury im Jahr 1540 nur drei Werke zu der
Sammlung an Stimmpartien bei, die zu der Zeit gerade für die Kathedrale
zusammengestellt wurden?
Wenn wir anhand des vorliegenden Musikstils die Schlußfolgerung
akzeptieren, daß die vier großen Werke auf dieser Aufnahme in der
Reihenfolge Ave dei patris, Ave rosa sine spinis, Salve intemerata,
gefolgt von der Messe Salve intemerata komponiert wurden, müssen
wir fast notgedrungen den Rückschluß ziehen, daß Tallis’ Karriere als
Komponist in den 30er Jahren anstatt den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts
begonnen hat. Seine Stelle als Organist des Dover Priory ist für einen
jungen Mann an der Schwelle einer musikalischen Karriere angemessen; der
Umzug nach London spricht für einen etwas erfahreneren, aber immer noch
nicht etablierten Musiker, der sich größeren Herausforderungen und Möglichkeiten,
aber auch weniger Sicherheit gegenübergestellt sah; der Posten an der
Waltham Abbey scheint ihm eine gehobene Stellung und vielleicht eine Rückkehr
zur Sicherheit geboten zu haben; die Umzüge nach Canterbury und zur
Chapel Royal markieren einen weiteren Aufstieg auf der professionellen
Rangleiter. Wenn diese Hypothese richtig ist, kann es durchaus sein, daß
Tallis fünf Jahre später als allgemein angenommen geboren wurde - etwa
um 1510 anstatt um 1505.
Jeglicher Versuch, diese Kompositionen mit bestimmten Phasen von
Tallis’ früher Karriere in Verbindung zu bringen, muß notgedrungen
Spekulation bleiben. Die offensichtliche Unreife des Ave dei patris führt
zu der Überlegung, daß dies Werk möglicherweise während der Jahre im
Dover Priory komponiert wurde. Diese Unreife des Ave dei patris kommt
auf verschiedene Weisen zum Ausdruck: Die melodische Komposition ist verhältnismäßig
ziellos, unausgewogen und inkonsequent, sie enthält nur wenig von der Schärfe,
die wir mit Tallis verbinden; die internen Proportionen sind nicht immer
überzeugend, vor allem bei den häufigen Abänderungen der Textur gegen
Ende des Stückes; die Komposition mancher der Stimmen ist ziemlich
ungeschickt. Außerdem bestehen einige bemerkenswerte Ähnlichkeiten in
der rhetorischen Geste, der Partiturierung und sogar dem musikalischen
Material zwischen Tallis’ und Robert Fayrfax’ Vertonung dieses Textes
- es scheint fast, als wolle Tallis sein Werk auf einer anerkannten
Vorlage basieren. Fayrfax, der 1521 starb, galt offenbar als der größte
Komponist seiner Zeit, und seine Vertonung des Ave dei patris war
eines seiner populärsten Werke - de facto genau die Art von Arbeit, die
jeder lernende Komponist als Vorlage wählen würde.
Dies soll jedoch nicht heißen, daß wir Tallis’ Ave dei patris keine
Aufmerksamkeit schenken sollten. Das Werk hat einen eigenen Charakter -
vor allem zeigen sich bereits die Qualitäten der Nüchternheit und
Beherrschung, die Tallis spätere Musik in so hohem Maße durchdringt.
Auch gibt es uns die seltene Gelegenheit, einen Komponisten aus der frühen
Tudorzeit beim Erlernen seiner Kunst zu beobachten. Bis vor kurzem galt
das Ave dei patris als unaufführbar, da es in einem sehr unvollständigen
und korrupten Zustand überliefert ist: Große Teile der Diskant- und
Tenorstimmen fehlen, und in einigen Quellen ist die Musik scheinbar in
modernisierter Form festgehalten, die eher dem Geschmack der Jahre um 1600
als um 1530 entspricht. Die in dieser Aufführung verwendete Ausgabe ist
einer von zwei vor kurzem veröffentlichten Versuchen, das Werk so weit
wie möglich in seinen Originalzustand zurückzuversetzen.
Das Ave rosa sine spinis ist dem Ave dei patris sehr ähnlich,
nur daß der Komponist selbstsicherer ist. Die melodische Komposition
wirkt logischer und zielsicherer, die Komposition der einzelnen Stimmen
weniger holprig, und Form und Tempo des gesamten Werkes scheinen weitaus
erfolgreicher. Während das ‘Amen’ des Ave dei patris fast wie
ein flüchtiger Nachgedanke klingt, bildet das des Ave rosa einen
sehr wirkungsvollen und gut durchgezogenen Höhepunkt. Wie das Ave dei
patris ist auch das Ave rosa unvollständig überliefert.
Allerdings fehlt hier weitaus weniger: Das einzige, das hinzugefügt
werden muß, ist die Diskantstimme in dem Duett für Diskant und Baß,
beginnend mit ‘Benedicta tu in mulieribus’. In dieser Aufnahme wird
das Ave rosa so von fünf Solostimmen gesungen, wie es möglicherweise
im Dover Priory aufgeführt wurde.
Das Ave dei patris und das Ave rosa sine spinis gleichen
einander nicht nur in ihrem allgemeinen Stil, sondern auch in ihren Texten
- relativ banale Herzensergüsse an die Heilige Jungfrau, wie sie nur
allzu häufig im Votivantiphon der frühen Tudorzeit zu finden sind. Der
Text des Ave dei patris besteht einfach aus einer Reihe
abgedroschener Huldigungen der Jungfrau, die mit einer Bitte um ihre Fürsprache
enden. Der Text des Ave rosa ist etwas anspruchsvoller, eine
Erweiterung des ‘Ave Maria’, in der jedes Wort oder jede Phrase des
Ursprunggebets - ‘Ave’, ‘Maria’, ‘gratia plena’, ‘dominus
tecum’ usw. - jeweils den Anfang einer Strophe des Gedichts bildet. Der
Text des Salve intemerata ist dagegen etwas ganz anderes - es
handelt sich hierbei um ein ziemlich langes, kompliziertes und sorgfältig
durchdachtes Prosagebet an Maria. Andachtstexte dieser Art, die an Maria
oder Jesus gerichtet sind und eine hartnäckige Dialektik besitzen,
scheinen in den 30er und 40er Jahren des 16. Jahrhunderts bei manchen
englischen Komponisten - oder ihren Schirmherren - sehr beliebt gewesen zu
sein. Taverners Gaude plurimum und O splendor glorie sowie
Ludfords Domine Jesu Christe sind vergleichbare Texte, die von zwei
älteren Zeitgenossen Tallis’ vertont wurden, und Domine deus
celestis wurde von einem etwas jüngeren Mann, Christopher Tye,
vertont. Das Salve intemerata ist genau die Art von Text, der
Tallis eher in London als der konservativeren Atmosphäre von Dover oder
Waltham begegnet sein muß. Wir können durchaus annehmen, daß das 1527
veröffentlichte Stundenbuch, in dem der Text zum ersten Mal erschien,
Tallis auch noch zehn Jahre später zur Verfügung stand, und die Sammlung
an Stimmpartien, zu dem das Harley 1709 gehörte, auch noch in den späten
30er Jahren benutzt wurde.
Die Vertonung des Textes von Salve intemerata muß für einen
Komponisten aus Tallis’ Generation mit Sicherheit eine einschüchternde
Herausforderung gewesen sein. Da er in Prosa gehalten war, bot er weder
eine Strophenstrukur noch ein Reimschema, das der Komponist in seine
musikalische Konstruktion mit einbauen konnte; sein Wortreichtum und seine
Rhetorik verlangten eine prägnante und eindrucksvolle Vertonung; seine
Spitzfindigkeit und sorgfältige Argumentation erforderten eine Musik, die
sowohl aufhellend als auch ausschmückend war. Tallis’ Leistung im Erfüllen
dieser Herausforderungen ist erstaunlich. Die Musik ist ebenso genau
durchdacht wie der Text und offenkundig in Anpassung an dessen
rhetorischen Zweck gestaltet. Zwei Techniken der Komposition - Nachahmung
und motivische Komposition - leisten einen besonders bedeutenden Beitrag
zu dieser fesselnden musikalischen Argumentation. Die Nachahmung, zu der
das Weiterleiten musikalischer Einfälle von einer Stimme zur anderen gehört,
erweckt den Eindruck, als diskutierten eine Gruppe von Leuten ein Thema;
es ist bemerkenswert, wie Tallis dahin tendiert, alle Stimmen mit Ausnahme
der nachahmenden Stimme melismatisch zu gestalten, so daß die textierte
Stimme noch stärker aus der Textur hervortritt. Motivische Komposition,
die das Erzeugen melodischer Linien aus ständig wieder verwendeten und
subtil abgewandten Komponenten erfordert, schafft den Eindruck eines sich
entwickelnden Gedankenganges, was dem hier vertonten Text äußerst
angemessen ist. Wenn einige Kommentatoren behaupten, daß Tallis im Salve
intemerata zu diszipliniert und eingleisig und zu geflissentlich auf
die Zurschaustellung seiner Fähigkeiten bedacht sei, so unterschätzen
sie die Überzeugungskraft dieses groß angelegten Werkes und dessen
Bedeutung für Tallis’ eigene musikalische Entwicklung. Wenn die
vierzigstimmige Motette Spem in alium Tallis' musikalischer Everest
war, dann war Salve intemerata sein Matterhorn.
Tallis Messe Salve intemerata baut eng auf seinem Votivantiphon
auf. Die Beziehung zwischen den beiden Werken ist besonders eng im Gloria,
dem Tallis kaum neues Material hinzufügt, sondern lediglich rhythmische
Änderungen in Anpassung an den neuen Text vornimmt. Die anderen Sätze
bewegen sich immer weiter von dem Material des Antiphons fort, so daß
etwa ein Viertel des Credo, ein Drittel des Sanctus und die Hälfte des
Agnus Dei frei komponiert sind. Obwohl die Tenorpartie der gesamten Messe
fehlt, kann sie mit Sicherheit an den Stellen rekonstruiert werden, an
denen die Messe das Antiphon zitiert, da das Zitat wörtlich ist; die frei
komponierten Teile bieten mehr Spielraum, doch Tallis’ Vorliebe für die
nachahmende Komposition ist für den Restaurator oft sehr hilfreich. Die
Idee, eine Messe unter Wiederverwendung der Musik einer bereits
existierenden Komposition zu schreiben, war nicht neu - Fayrfax hatte dies
eine Generation früher in seinem Votivantiphon und der Messe O bone
Jesus versucht - doch es schien in den 30er Jahren des 16.
Jahrhunderts ein erneutes Interesse dafür aufzukommen. Tallis’
unmittelbaren Vorlagen waren wahrscheinlich Taverners Messen Mater
Christi und Small devotion/Sancti Wilhelmi, die der Komponist
von seinen eigenen Votivantiphonen Mater Christi und Christe
Jesu abgeleitet hatte, doch in einer Hinsicht war Tallis weitaus kühner
als Taverner. Während Taverner sein Material in einen im wesentlichen ähnlichen
Kontext erneut anwandte, zeigt Tallis’ Wiederverwendung seines Materials
dieses in einem radikal neuen Licht: Während es sich beim Antiphon um ein
groß angelegtes öffentliches Werk handelt, ist die Messe knapp und
intim. Tallis paßt die bereits existierende Musik geschickt an ihre neue
Umgebung an, und seine Verquickung des alten Materials mit dem neuen ist
äußerst bemerkenswert, insbesondere deshalb, weil dies so unauffällig
geschieht - seine Kunstfertigkeit ist von höchstem Rang.
Die anderen beiden polyphonen Werke auf dieser Aufnahme tragen ziemlich
andere Charakterzüge. Es handelt sich hierbei um vierstimmige Vertonungen
von während der ‘Lady Mass’ gesungenen Cantus planus-Teilen. Alleluia
[Ora pro nobis] ist das in der ‘Lady Mass’ an Dienstagen von Mariä
Reinigung bis Advent gesungene Halleluja. Tallis vertont nur das chorale
Halleluja und setzt den Cantus planus in monorhythmischer Form in die
zweithöchste der vier Stimmen; das eröffnende Halleluja und der Vers Ora
pro nobis wären von Solisten im Cantus planus gesungen worden. Euge
celi porta ist der zweite Vers der Sequenz Ave preclara maris
stella, gesungen in der ‘Lady Mass’ an Sonntagen (und auch an der
Oktave von Mariä Himmelfahrt); hier wird der Cantus planus in verzierter
Form in der Tenorstimme gesungen. Möglicherweise hat Tallis ursprünglich
Musik für alle Verse mit geraden Zahlen komponiert, so daß eine vollständige
liturgische Aufführung zwischen Polyphonie und Cantus planus oder Orgel
abgewechselt haben würde. Beide Stücke sind nur in den Stimmpartien der
Gyffard-Sammlung (London, British Library, Additional MSS 17802-5) überliefert,
die aus Königin Marys Regierungszeit stammen, doch aufgrund ihres Stils
einer frühen Phase in Tallis’ Karriere angehören zu scheinen. Das
Halleluja klingt in der Tat mehr nach Taverner als nach Tallis, und beide
Stücke enthalten einige überraschende Klänge, die möglicherweise auf
eine ungenaue Abschrift zurückzuführen sind.
Nick Sandon, 6. Januar 1997
Gesangstexte [1] Ave Dei Patris Filia
Ave Dei patris filia nobilissima
Dei filii mater dignissima
Dei spiritus sponsa venustissima
Dei unius et trini ancilla subiectissima.
Ave summe eternitatis filia clementissima
Summe veritatis mater piissima
Summe bonitatis sponsa benignissima
Summe trinitatis ancilla mitissima.
Ave eterne caritatis desideratissima filia
Eterne sapientie mater gratissima
Eterne spiracionis sponsa sacratissima
Coeterne majestatis ancilla sincerissima.
Ave Jesu tui filii dulcis filia
Christi Dei tui mater alma
Sponsi sponsa sine ulla macula
Deitatis ancilla sessioni proxima.
Ave Domini filia singulariter generosa
Domini mater singulariter gloriosa
Domini sponsa singulariter speciosa
Domini ancilla singulariter obsequiosa.
Ave plena gracia poli regina
Misericordie mater meritis preclara
Mundi domina a patriarchis presignata
Imperatrix inferni a prophetis preconizata.
Ave virgo feta ut sol preelecta
Mater intacta sicut luna perpulcra
Salve parens inclita enixa puerpera
Stella maris prefulgida felix celi porta.
Esto nobis via recta ad eterna gaudia
ubi pax est gloria. O gloriosissima semper virgo Maria. Amen.
Gruß dir, edelste Tochter von Gott dem Vater,
Würdigste Mutter des Sohn Gottes,
Lieblichste Braut des Heiligen Geistes,
Demütigste Magd des dreieinfältigen Gottes.
Gruß dir, gnädigste Tochter der höchsten Ewigkeit,
Treueste Mutter der höchsten Wahrheit,
Freundlichste Braut des höchsten Guten,
Sanfteste Magd der höchsten Dreifaltigkeit.
Gruß dir, geliebteste Tochter der ewigen Liebe,
Gnädigste Mutter der ewigen Weisheit,
Heiligste Braut des ewigen Geistes,
Reinste Magd der gemeinsam ewigen Majestät.
Gruß dir, Tochter deines geliebten Sohnes Jesu,
Freundliche Mutter von Christus deinem Gott,
Unbefleckte Braut des Bräutigams,
Magd des Allmächtigen neben seinem Thron.
Gruß dir, einzige edle Tochter des Herrn,
Einzige ruhmreiche Mutter des Herrn,
Einzige vorzügliche Braut des Herrn,
Einzige gehorsame Magd des Herrn.
Gruß dir, Gnadenerfüllte, Himmelskönigin,
Mutter der Barmherzigkeit, berühmt für deine Wohltaten,
Herrin dieser Welt, vorhergesagt von den Patriarchen,
Kaiserin der Hölle, wahrgesagt von den Propheten.
Gruß dir, fruchtbare Magd, vorbestimmt wie die Sonne,
Unbefleckte Mutter, lieblich wie der Mond,
Gruß dir, ruhmreichste Mutter, die in Schmerzen geboren hat,
Strahlender Stern des Meeres, gesegnetes Tor des Himmels
[2] Ave rosa sine spinis
Ave rosa sine spinis
Tu quam pater in divinis
Majestate sublimavit,
Et ab omni vae purgavit.
Maria stella dicta maris
Tuo nato illustraris
Luce clara deitatis,
Qua praefulges cunctis datis.
Gratia plena te perfecit
Spiritus Sanctus, dum te fecit
Vas divinae bonitatis
Et totius pietatis.
Dominus tecum miro pacto
Verbo vite carne facto
Opere trini conditoris:
O quam dulce vas amoris.
Benedicta tu in muleribus,
Hoc testatur omnis tribus,
Celi fantur te beatum,
Super omnes exaltatam.
Et benedictus fructus ventris tui,
Quo nos dona semper frui
Per praegustum hic internum,
Et post mortem in eternum.
Hunc, Virgo, Salutis sensum,
Tue laudis gratum pensum,
Corde tuo sinu pia,
Clemens sume, O Maria. Amen.
Gruß dir, Rose ohne Dornen, die der Vater zur heiligen Majestät
erhoben hat und von allen Schmerzen befreit hat
Maria, genannt der Stern des Meeres, durch deinen Sohn erstrahlst du in
dem hellen Licht der Göttlichkeit, durch das du mit jeder Tugend scheinst
Voller Gnaden erfüllte dich der heilige Geist, indem er dich zum Gefäß
der göttlichen Güte und des völligen Gehorsams machte.
Der Herr ist mit dir auf wunderbare Weise, das Wort des Lebens wurde
Fleisch durch die Tat des göttlichen Schöpfers. Oh, welch süßes Gefäß
der Liebe
Selig bist du unter den Frauen, dies wird verkündet allen Ländern.
Die Himmel betrachten dich als gesegnet und über allen Dingen stehend.
Und gesegnet ist die Frucht deines Leibes, ein Geschenk, dessen wir uns
hier immer als inneren Vorgeschmack erfreuen dürfen, und nach dem Tod für
alle Ewigkeit.
Oh, gnädige Jungfrau Maria, nimm auf in die heilige Geborgenheit
deines Herzens dieses Erkennen der Erlösung, den dankbaren Gegenstand
deiner Gebete. Amen
[3] Alleluia, Ora pro nobis
Alleluia, Ora pro nobis pia virgo Maria. Unde Christum natus est pro
nobis pecatoribus. Ora.
Ave preclara maris stella in lucem gentium Maria divinitus orta.
Halleluja, bete für uns, fromme Jungfrau Maria, von der Christus für
unsere Sünden geboren ist. Bete
Gruß dir, edler Stern des Meeres, Maria, göttlich geboren im
Angesicht der Heiden.
[4] Euge celi porta (Ave preclara)
Ave preclara maris stella in lucem gentium Maria divinitus orta.
Euge caeli porta quae non aperta veritatis lumen, ipsum solem
iustitiae, indutum carne, ducis in orbem.
Gruß dir, edler Stern des Meeres, Maria, göttlich geboren im
Angesicht der Heiden.
Willkommen, Tor des Himmels, das nicht geöffnet war, doch das das
Licht der Wahrheit nun öffnet zur Sonne der Gerechtigkeit, in Fleisch
gekleidet, der Herrscher der Welt.
[5] Kyrie Deus Creator
Deus creator omnium tu theos ymon nostri pie eleyson.
Tibi laudes coniubilantes regum rex Christe oramus te eleyson.
Laus virtus pax et imperium cui est semper sine fine eleyson.
Christe rex unice Patris almi nate coeterne eleyson.
Qui perditum hominem salvasti de morte reddens vite eleyson.
Ne pereant pascue oves tue Jesu pastor bone eleyson
Consolator Spiritus supplices ymas te exoramus eleyson.
Virtus nostra Domine atque salus nostra in eternum eleyson.
Summe Deus et une vite dona nobis tribue misertus nostrique tu digneris
eleyson.
O Gott, Schöpfer aller Dinge, du, der gütige Gott, erbarme dich
unser.
O Christus, König aller Könige, wir beten dich an, gemeinsam
frohlockend, erbarme dich.
Lob, Kraft, Frieden und Macht sind ihm gegeben für immer und ohne Ende,
erbarme dich.
O Christus, gemeinsam ewiger König, einziger Sproß eines gütigen
Vaters, erbarme dich.
Du, der die Menschheit vom Tod errettet hast und uns das Leben
wiedergegeben hast, erbarme dich.
Jesus, guter Hirte, laß die Schafe auf deiner Weide nicht verschmachten,
erbarme dich.
O Heiliger Geist, Tröster, wir flehen dich an, für uns zu beten, erbarme
dich.
O Herr, unsere Kraft und unser Schirm für alle Ewigkeit, erbarme dich.
O höchster und ewig lebender Gott, du, der sich unser erbarmt, teile
deine Geschenke an jene aus, die du als würdig erachtest, erbarme dich.
[6] Gloria in excelsis
Gloria in excelsis Deo. Et in terra pax hominibus bone voluntatis.
Laudamus te. Benedicimus te. Adoramus te. Glorificamus te. Gratias agimus
tibi propter magnam gloriam tuam. Domine Deus, Rex celestis, Deus Pater
omnipotens.
Domine Fili unigenite, Jesu Christe, Domine Deus, Agnus Dei, Filius
Patris, Qui tollis peccata mundi miserere nobis. Qui tollis peccata mundi,
suscipe deprecationem nostram. Qui sedes ad dexteram Patris, miserere
nobis.
Quoniam tu solus sanctus, tu solus Dominus, tu solus altissimus,
Jesu Christe, cum Sancto Spiritu, in gloria Dei Patris. Amen.
Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden den Menschen mit gutem
Willen. Wir loben dich, wir segnen dich, wir beten dich an, wir lobpreisen
dich, wir danken dir für deine große Herrlichkeit, O Gott der Herr,
himmlischer König, allmächtiger Gott Vater.
Herr, eingeborener Sohn Jesu Christ, O Gott der Herr, Lamm Gottes, Sohn
des Vaters, der du trägst die Sünden der Welt, erbarme dich unser. Du,
der du trägst die Sünden der Welt, erbarme dich unser. Du, der du trägst
die Sünden der Welt, höre unser Gebet. Du, der du zur rechten Hand von
Gott dem Vater sitzt, erbarme dich unser.
Denn nur du bist heilig, nur du bist der Herr, nur du, O Christe, mit
dem Heiligen Geist, stehst in der höchsten Ehre Gott des Vaters. Amen.
[7] Credo
Credo in unum Deum, Patrem omnipotentem, factorem celi et terre,
visibilium omnium et invisibilium.
Et in unum Dominum Jesum Christum Filium Dei unigenitum. Et ex Patre
natum ante omnia secula. Deum de Deo, lumen de lumine, Deum verum de Deo
vero. Genitum, non factum, consubstantialem Patri: per quem omnia facta
sunt. Qui propter nos homines, et propter nostram salutem descendit de
celis. Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine: et homo
factus est. Crucifixus etiam pro nobis: sub Pontio Pilato passus, et
sepultus est. Et resurrexit tertia die, secundum Scripturas. Et ascendit
in celum: sedet ad dexteram Patris. Et iterum venturus est cum gloria,
judicare vivos et mortuos: cujus regni non erit finis. Et exspecto
resurrectionem mortuorum.
Et vitam venturi seculi. Amen.
Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles
geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus
dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer
Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem
Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm
Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen
Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns
gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den
Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wieder kommen in
Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft
wird kein Ende sein.
Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.
Amen.
[8] Sanctus and Benedictus
Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt caeli et
terra gloria tua. Hosanna in excelsis.
Benedictus qui venit in nomine Domini. Hosanna in excelsis.
Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth. Alle Lande sind
seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe.
Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.
[9] Agnus Dei
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi: miserere nobis.
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi: miserere nobis.
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi: dona nobis pacem.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt: Erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt: Erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt: Gib uns deinen Frieden.
[10] Salve intemerata
Salve intemerata Virgo Maria, filii Dei genetrix, prae ceteris
electa virginibus: quae ex utero tuae matris Annae, mulieris sanctissimae,
sic a Spiritu Sancto tum sanctificata tum illuminata fuisti, munitaque
tantopere Dei omnipotentis gratia, ut usque ad conceptum Filii tui, Domini
nostri Jesu Christe. Et dum eum conciperes, ac usque ad partum, et dum eum
pareres, semperque post partum, virgo omnium quae natae sunt castissima
incorruptissima et immaculatissima et corpore et animo tota vita
permanseris.
Tu nimirum universas alias longe superasti virgines sincerra mentis
impollutae concientia, quotquot vel adhuc fuerunt ab ipso mundi primordio,
vel unquam futurae sunt usque in finem mundi.
Per haec nos praecellentissima gratiae celestis dona tibi, virgo et
mater Maria, prae ceteris omnibus mulieribus et virginibus a Deo
singularitur infusa. Te precamur, quae miseris mortalibus misericors
patrona es, ut pro peccatis nostris nobis condonandis intercedere digneris
apud Deum patrem omnipotentem eiusque Filium Jesum Christum, secundum
divinitatem quidem ex Patre ante omnia saecula genitum. Secundum
humanitatem autem ex te natum; atque apud Spiritum Sanctum, ut peccatorum
nostrorum maculis tua absteris intercessione, tecum, sancta Virgo, semper
congaudere, teque in regno caelorum sine fine laudare mereamur. Amen.
Gruß dir, reine Jungfrau Maria, Mutter des Sohn Gottes, auserwählt
unter allen anderen Jungfrauen; du, die schon im Leib deiner Mutter Anna,
der heiligsten unter den Frauen, von dem Heiligen Geist heilig gemacht
wurdest, und dann mit Licht erfüllt wurdest, und so sehr von der Gnade
des allmächtigen Gottes gestärkt wurdest, daß du bis zur Empfängnis
deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, und während Seiner Empfängnis
und bis zu der Geburt und während du Ihn in deinem Leibe trugst und für
immer nach der Geburt im Fleisch und im Geist dein ganzes Leben lang die
reinste Jungfrau geblieben bist, die unbestechlichste und keuscheste unter
allen, die je geboren wurden.
Du hast durch die Unbescholtenheit deines reinen Geistes alle anderen
Jungfrauen übertroffen, alle die es bisher gegeben hat, vom Anfang der
Welt, oder jemals geben wird, oder jemals geben wird bis zum Ende der
Welt.
Wir flehen dich an, daß du, durch dieses wunderbarste Geschenk himmlischer
Güte, das Gott dir allein erteilt hat, Jungfrau und Mutter Maria, stehend
über allen anderen Frauen und Jungfrauen, dich, die du die gnädige
Schutzherrin von uns unseligen Sterblichen bist, es für wert erachtest,
Fürbitte bei dem Allmächtigen Gott und seinem Sohn Jesus Christus zur
Vergebung unserer Sünden einzulegen, gemäß der Göttlichkeit des Einzigen,
der von dem Vater vor dem Erstehen aller Welten gezeugt wurde, gemäß
seiner Menschlichkeit, weil er von dir geboren wurde; wir beten daher zu
dir, die du mit dem Heiligen Geist lebst, Heilige Jungfrau, daß wir, wenn
wir von den Flecken unser Sünden durch deine Fürbitte gereinigt sind, als
würdig erachtet werden, für immerdar mit dir zu frohlocken, dich zu
preisen im Reich des Himmels für immerdar. Amen. |
|